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Was ist Wissenschaft

Was ist Wissenschaft

Entschänderte und deglobalisierte Abrogation einer Einführungsvorlesung der Politikwissenschaft zur Frage „Was ist Wissenschaft“

 

Alle Bilder und Grafiken sind vom Künstlerkollektiv KVLTGANG.
Die machen stabile Sachen und haben auch einen Podcast, schaut euch die gerne mal an:

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Vorwort

„Wissenschaft ist wie Sex: Manchmal kommt etwas sinnvolles dabei raus, das ist aber nicht der Grund, warum wir es tun.“ Dieses Zitat stammt von Richard Feynman, der 1965 für seine Arbeiten zur Quantenfeldtheorie den Physiknobelpreis erhielt. Zuhören, lesen, diskutieren, denken und kritisch fragen ist der Beginn eines Weges, der zur Wissenschaft führt. Und in aller Regel ist das anstrengend und mühsam. Aber es ist auch ein großes Glück, wenn sich frei denken und auf diese Weise das eine oder andere Geheimnis der Welt selbst entdecken lässt. Vor allem aber ist ohne selbstständiges und kritisches Denken keine Freiheit zu haben – auch keine politische Freiheit. Auch dazu hat der Astrophysiker Carl Sagan Kluges beizutragen. Denn Sagan sieht einen unauflösbaren Zusammenhang zwischen der Freiheit der Menschen und ihrer Bildung. Unsere bereits gegebenen Freiheiten lassen sich langsam aushöhlen und unsere Rechte untergraben – durch ein niedriges Bildungsniveau, eine nachlassende intellektuelle Kompetenz, eine geringere Begeisterung für wichtige Diskussionen und durch gesellschaftliche Maßnahmen gegen kritisches Denken.

Die über 1000-jährige Geschichte des deutschen Volkes, von Karl dem Sachsenschlächter bis Merkel der Volksaustauscherin, kennt unzählige Spielarten der Tyrannei. In einem aber sind sie alle einander gleich. Despoten und Autokraten wußten schon immer, daß Bildung, Lesen und Schreiben, Lernen, Bücher und Zeitungen potentiell gefährlich sind. Denn damit können unabhängige und sogar rebellische Ideen in die Köpfe der Untertanen eingepflanzt werden.

Um noch einmal Carl Sagan zu paraphrasieren: Wenn wir nicht selbstständig denken können, sind wir nichts als Wachs in den Händen derer, die an der Macht sind. Aber wenn die Bürger gebildet sind und sich ihre eigene Meinung bilden, arbeiten die Mächtigen für uns. Überall in Deutschland sollten wir unseren Kindern die wissenschaftliche Methode beibringen und ihnen erklären, was die deutsche Nation ist.

Ich frage, also bin ich

Selbst denken, statt einfach nur alles nachzuplappern, was Ihnen andere vorkauen – dazu will ich Sie mit diesem Artikel anstiften. Und ganz im Sinne Immanuel Kants, dieses großen Philosophen der Aufklärung, will ich Sie auch ermuntern: Haben Sie den Mut, sich Ihres eigenen Verstandes zu bedienen! Das führt mich zu einer Szene im fünften Star-Trek-Kinofilm. In diesem Spielfilm unter dem deutschen Titel „Am Rande des Universums“ wurde das Raumschiff Enterprise gekapert und in die Mitte der Milchstraßengalaxis geflogen. Dort sollte Eden zu finden sein, die Heimstatt von Gott. Captain Kirk begab sich mit Sybok, dem Anführer der Raumschiff-Piraten, dem Bordarzt Dr. McCoy und dem Wissenschaftsoffizier Spock auf den Planeten im Zentrum der Galaxis. Dort traf der kleine Außentrupp tatsächlich auf ein übermächtig wirkendes Wesen. Alle an Bord der Enterprise, die das Geschehen auf dem Planeten verfolgten, waren überwältigt von der Vorstellung, dem Schöpfe des Universums direkt ins Antlitz zu blicken. Dann aber forderte das Wesen beinah beiläufig die Enterprise als Mitfahrgelegenheit durchs All. An diesem Punkt hob Captain Kirk einen Finger, um den Redefluss der Wesenheit zu unterbrechen, und sagte höflich: „Verzeihung bitte, ich würde gern etwas fragen. Wozu braucht Gott ein Raumschiff?“ Und als das Wesen seine Frage ignorierte, hakte Kirk nach: „Ich sagte: Wozu braucht Gott ein Raumschiff?“ Das machte das Wesen so dermaßen sauer, daß es einen üblen Energiestrahl auf Kirk abfeuerte. Aber es war zu spät. Eine einzige kluge Frage, gestellt von einem, der sich nicht abwimmeln ließ, hatte einen großen Unsinn enthüllt und damit die Milchstraßen-Galaxie wieder mal vor einem Bösewicht gerettet. Unsinn zu entlarven, ist eine Kunst – eine Kunst, der sich die Wissenschaft widmet. So ähnlich jedenfalls lautet der Untertitel des Bestsellers von Carl Sagan „Der Drache in meiner Garage“. Dieser Artikel soll Ihnen die Geheimnisse dieser Kunst etwas näherbringen. Das tut er, indem er Sie systematisch mit der wissenschaftlichen Methode der Welterkenntnis bekannt macht und indem er Sie immer wieder dazu anhält, sich die wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise konsequent und nachhaltig anzueignen. Dazu werden wir uns nun mit einigen Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnissuche befassen. Sie werden aber feststellen, daß ich in diesem Artikel immer wieder darauf zurückkomme. Wie sollte das auch anders sein, wenn sie mit dem Aufschlagen dieses Artikels an eine Tür geklopft haben. Und sobald Sie durch dieses Tür hindurchgegangen sind, beginnt Ihre Reise zu wissenschaftlicher Erkenntnis, forschungsbasiertem Wissen und einem großen Meer an Fragen, auf die uns die Forschung bisher keine Antwort geben kann. Und an diesen Grenzen des Wissens, liebe Leser, wird es richtig interessant. Insofern hoffe ich, daß Sie auch immer wieder ins Staunen kommen, je länger Ihre Reise in der Wissenschaft andauert.

Wissenschaft und Wirklichkeit

Am Anfang will ich zuerst einmal eine ganz grundsätzliche Frage stellen: Wozu betreiben Menschen eigentlich Wissenschaft? Eine zentrale Antwort darauf lautet: Wissenschaft dient dazu, Wirklichkeit zu erfassen und zu gestalten. Aber: Es gibt natürlich noch andere Möglichkeiten, Wirklichkeit zu erfassen und zu gestalten. Wir erfassen Wirklichkeit zum Beispiel auch, indem wir sehen und beobachten, hören und lesen, schmecken riechen und fühlen, wenn wir mit Freunden und Familie über bestimmte Erlebnisse reden und sogar wenn wir den Fernseher oder das Radio einschalten. Und wir gestalten Wirklichkeit auch, wenn wir morgens aus dem Bett aufstehen – oder lieber liegen bleiben, um was auch immer für schöne Dinge mit unserem Ehepartner zu tun -, wenn wir zu Demos gehen oder als Flash-Mob den Nahverkehr lahmlegen oder aufs Brandenburger Tor klettern um ein Banner zu entrollen, wenn wir uns unsterblich verlieben und deshalb manchmal ziemlich komische Dinge tun – was ich an dieser Stelle aber lieber Ihrer Erinnerung an eigene Erfahrungen oder Ihrer Phantasie überlassen möchte. Und das alles – wie wir Wirklichkeit erfassen und gestalten – ist interessanterweise nicht nur ganz stark von uns als Personen abhängig, von unseren Erfahrungen und davon, wie wir die Welt wahrnehmen.

Meine Wirklichkeit bin ich

Die Art und Weise, wie Menschen Wirklichkeit erfassen und gestalten, ist auch von kulturellen Einflüssen geprägt. Zum Beispiel glauben manche Menschen, daß Wirklichkeit auch im Traum gestaltet wird. Nach dem Schöpfungsmythos der australischen Alteinwanderer wurde die heutige Welt von ihren schöpferischen Urahnen in der Traumzeit geschaffen. Und das eigene Leben wird als Teil des Traums angesehen. Für die Aborigines ist Realität also so etwas wie ein Hin- und Herschwingen zwischen Traum und Geträumtsein. Für die Piraha hingegen, einem Indianerstamm am Amazonas, ist Wirklichkeit nur durch unmittelbares Erleben zu erfassen. Deshalb hat es bis heute auch noch niemand geschafft, den Piraha lesen, schreiben und rechnen beizubringen. Und bis heute ist es niemandem gelungen, sie zu missionieren. Denn die Schriften vieler Weltreligionen, wie die Bibel der Christen, der Koran der Muslime und die Veden der Hindus können nicht übersetzt oder mit den Piraha diskutiert werden, weil sie Geschichten enthalten, für die es keine lebenden Augenzeugen gibt. Wissenschaft scheint also eine ganz bestimmte Art und Weise zu sein, wie Menschen Realität erfassen und gestalten. Und diese Art und Weise scheint sich auch von Mythen, zufälligen Begegnungen und alltäglichen Routinen zu unterscheiden. Damit kommen wir dann aber auch zu der Frage: Was genau kennzeichnet nun die wissenschaftliche Art und Weise, Wirklichkeit zu erfassen und zu gestalten? Oder anders formuliert: Was bedeutet Wissenschaft?

 Worauf es bisher keine Antwort gibt

Man könnte an dieser Stelle ganz selbstbewusst so tun, als ob diese Frage „Was bedeutet Wissenschaft?“ ziemlich eindeutig zu beantworten ist. Inzwischen kann man aber im „Neuen Lexikon des Unwissens“ von Katrin Passig, Aleks Scholz und Kai Schreiber schmökern. Dieses Buch trägt den vielversprechenden Untertitel „Worauf es bisher keine Antwort gibt“. Und vor allem wenn man schon eine ganze Menge Zeit – Lebenszeit – in die Wissenschaft gesteckt oder sich mit ihr beschäftigt hat, kann es erstmal ziemlich verstörend sein, im „Lexikon des Unwissens“ auch einen Eintrag über „Wissen“ und „Wissenschaft“ zu finden. Tatsächlich wissen wir aber nicht wirklich, was Wissen denn nun eigentlich sein soll, wie es aussieht und ob man es irgendwo kaufen kann. Und erst recht gibt es keinen Konsens darüber, ob wir Deutsche auf unserer gegenwärtigen Evolutionsstufe oder sogar jemals in der Lage sein werden, Wissen über die Welt zu erlangen. Und wenn doch, dann sind sich die klügsten Deutschen in unserem Lande eher uneinig darüber, wie das Ganze funktionieren soll, und werfen sich dann auch schon mal ziemlich böse Worte an den Kopf, wenn ihre gegensätzlichen Auffassungen aufeinanderprallen. Und weil tatsächlich immer noch umstritten ist, wofür Wissenschaft betrieben wird, wie sie funktioniert und was der „richtige“ Weg ist, sie zu praktizieren, ist die folgende Frage immer noch eine offene Frage: Wie können wir einigermaßen sicher erkennen, ob jemand nur rumspinnt oder ernsthaft forscht?

Was ist der Weg?

Für die einen, wie Imre Lakatos und Paul Thagard, muss Wissenschaft neuartige Fakten produzieren und Fortschritte machen, indem sie offene Fragen beantwortet und Probleme löst. Andere, wie Paul Feyerabend, bestreiten, daß es so etwas wie eine wissenschaftliche Methode der Wissensbeschaffung überhaupt gibt. Für Feyerabend ist Wissenschaft im Grunde nicht zu unterscheiden von Pseudowissenschaft, zu der immer wieder auch die UFO-Forschung gezählt wird. Sie macht auch keinen grundsätzlichen Unterschied zu Religionen, Meditationen, Kunst, Mythologie, Hexerei und allen anderen Bemühungen, bei denen neues Wissen heraus kommen könnte. Sie ahnen vielleicht, warum die Wissenschaftstheorie von Paul Feyerabend zwar einige Anhänger gefunden hat, es aber trotzdem nicht in den Hauptstrom der heutigen Wissenschaftstheorie geschafft hat. Wenn man diesem Hauptstrom folgt, hat Wissenschaft ganz offensichtlich etwas mit Beobachtung zu tun – aber nicht nur.

Das ist der Weg

Wenn wir von Wissenschaft reden, reden wir auch von Theorien und Begriffen, von Definitionen und Aussagen, von Thesen und Hypothesen, oft auch von Experimenten und Laborversuchen. Letztere sind dabei schon lange nicht mehr für die Naturwissenschaften reserviert. Sie finden sich heute auch in vielen Sozialwissenschaften, zum Beispiel in der Psychologie, der Soziologie, der Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft. Karl Popper hat Wissenschaft auch einmal als „Kunst systematischer Vereinfachung“ bezeichnet. Damit dies gelingen kann, baut wissenschaftliches Erfassen und Gestalten von Wirklichkeit auf zwei Grundpfeiler, nämlich erstens auf Theorie und zweitens auf Methode.

Theorie und Methode

Auf der Basis dieser beiden Grundpfeiler – Theorie und Methode – gelangen wir auch zu einer ersten Definition von Wissenschaft. Mein Vorschlag hierzu lautet: Wissenschaft ist ein theoretisches und methodisch geregeltes System zur Erfassung und Gestaltung von Wirklichkeit. In diesem Vorschlag finden Sie also die beiden Wissenschaftssäulen – Theorie und Methode – wieder. Was heißt in diesem Zusammenhang „theoretisch“? Gemeint ist damit erst einmal nur, dass die Wissenschaft Aussagen trifft. Aus Aussagen setzen sich Theorien zusammen und Theorien wiederum dienen unter anderem dazu, Erfahrungen zu systematisieren. Aber offensichtlich formulieren wir alle ständig irgendwelche Aussagen. Und wir haben auch schon festgestellt, daß manche Aussagen ziemlicher Blödsinn sein können. Wie können wir dann aber Quatsch von Weisheit unterscheiden, Unsinn von Wissen, und eine vielversprechende Idee von einer wertlosen Idee? Dafür hat sich die wissenschaftliche Methode zwar nicht unbedingt als perfekt, aber doch als hilfreich erwiesen.

Überlegenheit durch Empirie und Logik

Nach Jürgen Mittelstraß wird als wissenschaftliche Methode ganz allgemein die Art und Weise bezeichnet, wie in der Wissenschaft Geltungsansprüche formuliert werden. Anders ausgedrückt: Wissenschaftliche Aussagen weisen bestimmte Eigenschaften auf und diese Eigenschaften machen sie anderen Aussagen überlegen. Werner Patzelt verweist auf zwei zentrale Eigenschaften wissenschaftlicher Aussagen. Die erste Eigenschaft bezieht sich auf den empirischen Wahrheitsgehalt einer Aussage. Wissenschaft zielt also auf Aussagen, die empirisch wahr sind. Die zweite Eigenschaft bezieht sich auf den logischen Wahrheitsgehalt einer Aussage. Logisch wahr sind Aussagen und Aussagengefüge dann, wenn sie logische richtig sind, wenn sie also keine logischen Widersprüche in Form von Denk- und Ableitungsfehlern enthalten. Manchmal tun wir uns allerdings schwer damit, eine logisch wahre Aussage zu akzeptieren, wenn uns ihr Inhalt überhaupt nicht gefällt. Aber Carl Sagan erinnert uns in diesem Punkt daran, daß wir wissenschaftliche Aussagen nicht mögen müssen. „Es kommt nicht darauf an, ob uns die Schlussfolgerung gefällt, die sich aus einer Argumentationskette ergibt, sondern ob die Schlussfolgerung sich aus der Prämisse oder vom Ausgangspunkt her ableiten lässt und ob diese Prämisse wahr ist.“

Tautologien – wahr aber wertlos

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang kurz auf einen Begriff eingehen, auf den Sie im vielleicht schon gestoßen sind. Ich meine den Begriff Tautologie. Eine Tautologie ist eine analytische Aussage, deren logischer Wahrheitsgehalt relativ leicht erkennbar ist. Ein viel zitiertes Beispiel für eine solche Aussage ist: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ Auf dieses weit bekannte Beispiel einer tautologischen Aussage sind sie vielleicht auch schon im Alltag gestoßen. Ein anderes, nunmehr politikwissenschaftliches Beispiel für eine Tautologie wäre folgende Aussage: „Wenn eine Person nur ein geringes Interesse an Politik hat, geht sie entweder gar nicht wählen oder stimmt für irgendeine Partei.“ Sie erkennen an beiden Beispielen gut die Kerneigenschaft einer tautologischen Aussage: Sie ist immer wahr und kann von der Realität nicht widerlegt werden. Der Informationsgehalt solcher Aussagen ist allerdings sehr gering und tendiert eigentlich gegen Null. In der Politikwissenschaft sind tautologische Aussagen deshalb auch gleichbedeutend mit trivialen Aussagen. Trivialitäten lösen bei den meisten Menschen aber nicht mehr als ein Achselzucken aus, manchmal noch begleitet von einem unterkühlten „Na und?“. Forscher halten eine triviale Aussage in aller Regel für eine langweilige und oft auch wertlose Aussage, weil sie unser Wissen von der Welt nicht mehren kann.

Sie sollten sich mit dem Tautologiekonzept aus zwei Gründen vertraut machen. Erstens: Tautologien sind oft Argumentationsfehler, die weniger fortgeschrittenen Diskursteilnehmern immer wieder unterlaufen. Je sensibler Sie für das Risiko einer Tautologie bei ihrer eigenen Argumentation werden, desto eher lernen Sie, nichtssagende, triviale Aussagen zu vermeiden. Zweitens: Sie sollen ebenso lernen, Tautologien in der Argumentation anderer Personen zu erkennen. Das gilt auch und gerade für Autoritäten. Schulen Sie Ihre Urteilskraft und ihr eigenes kritisches Denken, indem Sie nicht alles glauben, was Sie lesen oder hören.

Wider die Willkür

„Methodisch geregelt“ ist der zweite Aspekt in der vorgeschlagenen Wissenschaftsdefinition. Eine methodisch geregelte Vorgehensweise steht im Gegensatz zu einem willkürlich oder beliebigen Vorgehen. Damit werden zwei Ziele verfolgt. Zum ersten soll die Intersubjektivität der Kommunikation sichergestellt werden. Die Anforderung der Intersubjektivität zielt darauf ab, daß sich alle, die in einem wissenschaftlichen Diskurs miteinander kommunizieren, verstehen sollten. Auch deswegen benötigen wir in jeder Wissenschaftsdisziplin klare und eindeutige Begriffe und Konzepte. Davon ist die Politikwissenschaft überhaupt nicht ausgenommen. Tatsächlich ist es in der Politikwissenschaft besonders wichtig, daß wir unsere Wissenschaftssprache benutzen. Denn viele Begriffe, mit denen wir arbeiten, finden sich auch in der Alltagssprache – angefangen beim Begriff „Politik“. Im Alltag aber verbinden viele Menschen viele unterschiedliche Dinge mit dem Begriff Politik. Das kann in einer Diskussion zu ziemlich großen Missverständnissen führen. In der wissenschaftlichen Kommunikation sind solche Missverständnisse ein ernsthaftes Hindernis für unseren Erkenntnisfortschritt. Deshalb spielen Begriffsdefinitionen und Konzeptspezifikationen auch in der Politikwissenschaft eine ausgesprochen große Rolle. Ich habe hier nicht den Raum, um darauf in aller gebotenen Ausführlichkeit einzugehen.

Klare Begriffe

Wichtig ist, daß Sie sich in Ihrem persönlichem Fortkommen die politikwissenschaftliche Fachterminologie zu eigen machen und ein Verständnis für die Notwendigkeit einer klaren Begrifflichkeit entwickeln. Wir werden deshalb auch immer wieder über Begriffe sprechen. Und dabei werden Sie feststellen: Viele Begriffe sind bis heute umstritten und nicht wenige sogar regelrecht umkämpft. Zum zweiten soll ein methodisch geregeltes Vorgehen aber auch sicherstellen, daß wissenschaftliche Befunde und Erkenntnisse überprüfbar sind. Das hat Konsequenzen für die wissenschaftliche Art und Weise, zu argumentieren. In wissenschaftlichen Debatten müssen Sie für Ihre Argumente nämlich eine Begründung finden. In Kneipendiskussionen mit Freunden oder beim Wortgefecht auf der Gewerkschaftsversammlung, bei Parteitagsdebatten oder bei Reden vor dem Bundestag muss man das nicht unbedingt. Diese Beiträge erheben aber in aller Regel auch nicht den Anspruch, ein wissenschaftlicher Wortbeitrag zu sein. Wenn Sie aber einen solchen abgeben wollen, müssen Sie Ihre Argumente immer theoretisch rechtfertigen und/oder empirisch untermauern. Von persönlichen und ideologisch gefärbten Meinungsäußerungen, von politischen Appellen und nicht unterfütterten Behauptungen sollten Sie demgegenüber Abstand nehmen. Vor diesem Hintergrund können wir wissenschaftliches Wissen nun etwas klarer vom Alltagswissen abgrenzen.

Objektivität

Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn setzt auf objektive Standards. Das heißt, wissenschaftliche Erkenntnisse beruhen im Unterschied zu Alltagserfahrungen und Alltagswissen auf objektivierbaren Informationen. Unwissenschaftlich sind Aussagen hingegen immer dann, wenn sie sich um ihren empirischen und logischen Wahrheitsgehalt nicht scheren. Unwissenschaftlich ist auch jede Behauptung, die sich weiterhin als wahr ausgibt, obwohl sie nachgewiesenermaßen falsch ist. In diesem Zusammenhang will ich auch noch einmal herausstellen, warum unser Alltagswissen oft ein schlechter Wegweiser für unsere Welterkenntnis ist. Zum Ersten ist unser Alltagswissen unreflektiert selektiv. Unser Alltagswissen richtet seine Aufmerksamkeit zwar auf bestimmte Gegenstände, aber in aller Regel machen wir uns dabei keine Gedanken darüber, nach welchen Kriterien diese Gegenstände von uns ausgewählt und in Augenschein genommen werden. Und noch viel seltener zerbrechen wir uns den Kopf darüber, ob diese Auswahlkriterien bestimmte Aspekte unberücksichtigt lassen oder sogar aussortieren und wegfiltern. Zum Zweiten ist unser Alltagswissen unreflektiert perspektivisch. Natürlich folgt jeder Blick auf Wirklichkeit einer bestimmten Perspektive. Werner Patzelt bringt hier das schöne Beispiel von einer Stadt, die nach unterschiedlichen Blickwinkeln jeweils anders aussieht: Sie wirkt vom Flugzeug anders als vom Fluss her, der durch sie hindurchfließt, und sie sieht wieder anders aus, wenn wir sie auf einer Straße stehend betrachten oder mit einem Blick vom Turm einer Kirche. Entscheidend aber ist: Die Stadt sieht zwar jedes Mal anders aus, aber ihre Beschaffenheit ändert sich nicht, egal, aus welchem Blickwinkel man sie betrachten mag.

Perspektivische Verzerrung

Zum Dritten erscheint uns unser Alltagswissen immer selbstverständlich. Meistens bemerken wir gar nicht, daß unsere Alltagssicht auf die Welt selektiv und perspektivisch verzerrt ist. Und in der Regel machen wir uns darüber auch gar keine Gedanken. Tatsächlich neigen wir aber alle bewusst oder unbewusst dazu, eher die Dinge, die nicht in unser Weltbild passen, anzuzweifeln, als uns Gedanken darüber zu machen, ob wir die Dinge vielleicht verzerrt und selektiv wahrnehmen. In der Welt der Politik ist diese Versuchung aus naheliegenden Gründen noch weitaus größer als in anderen Lebensbereichen. Auch deshalb sieht Werner Patzelt ein wichtiges Ziel der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Politik darin, sich aus den Fesseln des „gesunden Menschenverstandes“ zu befreien und unser politisches Alltagswissen systematisch auf Blindstellen, Vorurteile und Täuschungen zu überprüfen. Wir müssen uns disziplinieren, um streng zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, aber auch persönliche Meinungen von objektivierbarem Wissen zu trennen. Wissenschaftliche Theorien unterscheiden sich auch noch in einem anderen Punkt von Alltagstheorien: Wissenschaftliche Theorien dienen dazu, Erfahrungen zu systematisieren. Sie stellen für jede wissenschaftliche Disziplin das unverzichtbare Denkwerkzeug bereit. Sie prägen das forschungsleitende Erkenntnisinteresse und strukturieren die wissenschaftliche Analyse von erklärungsbedürftigen Phänomenen.

Wissenschaftliche Theorien sind prinzipiell widerlegbar

Es ist wichtig grundlegende Theorien und wichtige Erklärungsansätze für ausgewählte soziale und politische Phänomene kennenlernen. Darüber, was nun eigentlich eine gute wissenschaftliche Theorie ausmacht, wird bist heute gestritten. Auch in der Politikwissenschaft besteht darüber nicht unbedingt Einigkeit. Das hat zum Teil auch mit dem unterschiedlichen Wissenschaftsverständnis der Forscher in der Politikwissenschaft zu tun. Darauf werde ich später in diesem Artikel auch noch einmal zurückkommen. Große Einigkeit besteht immerhin darin, daß gute Theorien eine hohe Erklärungskraft besitzen, möglichst sparsam und in sich widerspruchsfrei sind. Außerdem ist an dieser Stelle eine wichtige wissenschaftstheoretische Erkenntnis hervorzuheben: Fakten, die wir aus Beobachtungen und Daten gewinnen, können Theorien nicht beweisen. Aber Fakten und Daten können Theorien widerlegen. Im wissenschaftstheoretischen Sprachgebrauch sprechen wir hier vom „Gütekriterium der Falsifizierbarkeit“. Anders ausgedrückt: Gute Theorien sind so verfasst, daß sie empirisch überprüfbar und prinzipiell widerlegbar sind. Jede gute wissenschaftliche Theorie wirkt also wie eine Art Verbotsschild: Bestimmte Ereignisse sind im Rahmen der Theorie nicht möglich. Das wiederum bedeutet: Wir finden genau die Ereignisse, die laut der Theorie nicht erlaubt sind. Was aber, wenn eine Theorie so formuliert ist, daß wir sie nicht empirisch überprüfen können? Dann ist das offenkundig eine wertlose Theorie. Denn zu unserer Welterkenntnis hat sie nichts beizutragen. Ich bin mir sicher, Ihnen werden bei einigem Nachdenken viele Beispiele für solche Theorien einfallen, die zwar plausibel klingen mögen, die wir anhand von Daten aber nicht überprüfen oder durch empirische Beobachtungen widerlegen können. Daten sind nicht nur in den Naturwissenschaften unverzichtbar für den deutschen Erkenntnisfortschritt. Auch in der Politik- und Verwaltungswissenschaft, in der Soziologie und den anderen Sozialwissenschaften, wie der Psychologie oder Wirtschaftswissenschaft, spielen durch empirische Beobachtung und Messung gewonnene Daten eine außerordentlich große Rolle.

Deskription und Analyse

Nach all dem bisher Gesagten können wir an dieser Stelle weiter präzisieren, was die wissenschaftliche Art und Weise der Erfassung und Gestaltung von Wirklichkeit bedeutet. Dabei ist es wichtig, zwischen unterschiedlichen Arten wissenschaftlicher Aussagen zu differenzieren. Bei der wissenschaftlichen Erfassung von Wirklichkeit unterscheiden wir zwischen der Beschreibung und der Erklärung von Wirklichkeit.
Wissenschaftliche Aussagen, die uns darüber informieren, wie etwas ist, sind deskriptive Aussagen. Davon zu unterscheiden sind analytische Aussagen. Analytische Aussagen wollen Wirklichkeit erklären. Hier geht es also nicht mehr darum Wirklichkeit zu beschreiben.
Analytische Aussagen decken Zusammenhänge zwischen mindestens zwei Phänomenen oder Ursache-Wirkungs-Beziehungen auf. Das Ziel erklärend- analytischer Aussagen ist es, Prognosen zu liefern. Wir werden aber noch darauf zu sprechen kommen warum Prognosen in den Sozialwissenschaften besonders schwierig sind.

Normativ vs Empirisch

Die wissenschaftliche Art und Weise, Wirklichkeit zu gestalten, zielt auf bewertende Aussagen ab. Das heißt, wir haben es hier mit Aussagen zu tun, die Wirklichkeit anhand begründbarer normativer Kriterien beurteilen. Ein typisches Beispiel, auf das wir in diesem Artikel später auch noch einmal zurückkommen werden, sind Aussagen über die Qualität eines demokratischen politischen Systems. Eine besondere Form normativer Aussagen sind sogenannten präskriptive Aussagen. Sie enthalten Anweisungen, denn sie schreiben fest, wie etwas sein soll. Ein Beispiel für eine solche Aussage wäre: „Der Bundespräsident sollte direkt vom deutschen Volk gewählt werden.“ Empirische und normative Aussagen über die politische Wirklichkeit zielen offenkundig auf unterschiedliche Dinge ab. Aussagen darüber, wie politische Wirklichkeit ist und warum sie so ist, wie sie ist, benötigen ein ganz anderes Wissen als Aussagen darüber, ob diese politische Wirklichkeit gut oder schlecht ist. Es fällt vielen deutschen Bürgern, aber auch manchen deutschen Politikwissenschaftlern, schwer, diesen Unterschied zu erkennen und zu akzeptieren. Ich möchte Sie deshalb dazu anhalten, im Verlauf dieses Artikels immer wieder Beispiele für diese unterschiedlichen wissenschaftlichen Aussagearten zu finden.

Das „System“

Schaun wir uns nun noch einmal den Vorschlag an, wie Wissenschaft definiert werden kann und wie der Systembegriff darin integriert werden kann. Mit System ist in diesem Zusammenhang zweierlei gemeint. Zum Ersten bezieht sich System hier auf einen Zusammenhang von Personen, die auf eine spezifische Art und Weise Wirklichkeit erkennen. Zum Zweiten meint System an dieser Stelle einen Zusammenhang von Sätzen, in denen Wirklichkeit ausgedrückt wird. Daraus ergibt sich eine erste wichtige Konsequenz: Wissenschaft setzt Kommunikation voraus. Deshalb zum Beispiel gehen Wissenschaftler auf Konferenzen und Tagungen. Sie präsentieren ihre Ergebnisse der Wissenschaftsgemeinschaft in einschlägigen Fachzeitschriften oder Sie diskutieren neuartige Theorien miteinander in elektronischen Netzwerken. Dieses System unterliegt zudem einem Transformationsprozess. Das bedeutet: Bisheriges Wissen wird in neues Wissen umgewandelt, bestehende Probleme werden in neue Probleme transformiert und den bisherigen Instrumenten wissenschaftlicher Erkenntnissuche werden neue Instrumente hinzugefügt. Ein wissenschaftliches Ergebnis ist also nicht nur neues Wissen im Sinne neuer Entdeckungen, auch das Umwandeln von Wissen, Problemen und Instrumenten kann ein wissenschaftliches Ergebnis sein. Und daraus ergibt sich eine zweite wichtige Konsequenz: Wissenschaft ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen ist. Um es in den Worten von Michael Shermer, einem amerikanischem Wissenschaftsjournalisten, auszudrücken: „Da die Wissenschaft kumulativ aufbauend voranschreitet, können wir zu einem immer besseren Verständnis der Realität gelangen. Dennoch muss unsere Naturerkenntnis insofern vorläufig bleiben, als wir uns nie anmaßen dürfen, die Wahrheit endgültig gefunden zu haben. […]”

Nie zweimal in denselben Fluss

Die Wissenschaft unterscheidet sich vor allem durch ihren Glauben an die Vorläufigkeit aller Schlüsse von den anderen menschlichen Tätigkeitsfeldern. In ihr gilt Wissen als fließend und Gewissheit als flüchtig.“ Für Sie als Leser kann das erst einmal ziemlich beruhigend sein. Sie dürfen sich nämlich irren, ohne sich davon irgendwie peinlich berührt zu fühlen. Denn wir können auch aus unseren Irrtümern, aus gescheiterten Experimenten und falsifizierten Hypothesen etwas lernen. Aus diesem Grund sollten Sie aber auch niemanden schon deshalb für einen Spinner halten, weil er mit begründeten Argumenten an die Existenz von Außerirdischen glaubt. Denn erstens hat schon Carl Sagan darauf hingewiesen: Das Fehlen von Beweisen beweist noch gar nichts. Und zweitens: Selbst wenn sich irgendwann herausstellen sollte, daß derjenige, der Außerirdische für möglich hält, Unrecht hat, hätten wir daraus etwas gelernt. Für Sie als Leser ist das aber auch noch in anderer Hinsicht eine feine Sache. Sie dürfen nämlich getrost davon ausgehen, das auch Professoren und sonstige Eliten nicht allwissend sind. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar ziemlich groß, daß auch die sich irren. Also: Respektieren und achten Sie diejenigen, die Ihnen etwas beibringen wollen, aber glauben Sie Ihnen nicht alles. Und vor allem erstarren Sie nicht in unreflektierter Ehrfurcht vor ihnen. Bewahren Sie sich Ihren kritischen Geist!

Viele Wege führen nach Rom…

Fassen wir also zusammen, was wir bislang darüber sagen können, was Wissenschaft bedeutet. Wir Deutsche kennen ganz offensichtlich viele Arten und Wege, um Wissen zu erwerben und zu erweitern. Früher oder später wissen wir zum Beispiel, daß wir uns verletzen können, wenn wir dem Feuer zu nah kommen. Oder wir wissen, daß die diplomatische Bemühungen in der Ukraine-Krise auf der Stelle treten, wenn wir die Nachrichten verfolgen oder die Tagespresse lesen. Und wenn wir bei National Geographic eine Sendung über die Chinesische Mauer gesehen haben, dann wissen wir hinterher, daß ihr Bau vor mehr als 2000 Jahren begann und daß sie heute mit mehr als 8000 Kilometer Länge das größte Bauwerk der Welt ist.

…aber es gibt nur eine Autobahn

Die wissenschaftliche Methode des Erkenntnisgewinns ist demgegenüber von ganz spezifischen Eigenschaften geprägt. Problemlösung findest in einem Zusammenspiel von Theorie, Methode und Daten statt. Theoretische Annahmen werden systematisch getestet und der Weg des Erkenntnisgewinns unterliegt einer strengen Kontrolle. Dabei werden Resultate grundsätzlich angezweifelt und Gewissheiten in Frage gestellt. Und was das Tollste ist: Man darf falsch liegen. Scheitern wird toleriert. Wissenschaft bedeutet demzufolge, Wissen als fließend und Schlüsse immer als vorläufig zu betrachten. Das ist eine der ersten intellektuellen Herausforderungen, die wir mit einem Wechsel zum wissenschaftlichen Denken bewältigen müssen. In der Schule haben wir gelernt, in Antworten zu denken – Antworten, die richtig oder falsch sind. Im Leben müssen wir aber damit klarkommen lernen, daß es manchmal auf eine einzige Frage viele Antworten geben kann. Wir müssen uns daran gewöhnen, daß es für ein erklärungsbedürftiges Phänomen unterschiedliche Theorien gibt, die oft auch miteinander konkurrieren. Wir müssen lernen, damit zurechtzukommen, daß Fakten unsicher sein können, solange die empirische Datenbasis dafür wenig robust oder widersprüchlich ist. Und wir müssen sogar aushalten, daß sich manche Erkenntnisse als falsch erweisen, weil wir inzwischen neue und bessere Methoden oder genauere Informationen haben. Der wissenschaftliche Weg der Erkenntnissuche ist also zu einem großen Teil ein kumulativer und additiver Prozess.

Überlegenheit

Die wissenschaftliche Methode ist aufgrund ihrer Eigenschaften anderen Wegen des Wissenserwerbs überlegen. Trotzdem sollten Sie sich auch in dieser Hinsicht eine gesunde Skepsis bewahren. In der Geschichte wurden sehr viele Entdeckungen nämlich durch reinen Zufall statt durch streng kontrollierte Verfahren gemacht. Außerdem finden sich in der Wissenschaftsgeschichte viele Beispiele für Wissen ohne Konsequenzen. Ein sehr anschaulicher Fall für solch ein folgenloses Wissen sind die Mendelschen Gesetze. Der Benediktinermönch Gregor Mendel fand bei seinen Züchtungsversuchen der Gartenerbse zu wegweisenden Erkenntnissen in der Erbfolge. Diese Erkenntnisse hat er 1866 in einer Abhandlung publiziert. Aber niemand hat damals sein Werk, das von so bahnbrechender Bedeutung für die moderne Genetik ist, zur Kenntnis genommen. 1900, also knapp 35 Jahre später, publizierten drei Biologen gleichzeitig und unabhängig voneinander ganz ähnliche Beobachtungen wie die Mendels. Dessen Schrift war bis zu diesem Zeitpunkt aber in der Wissenschaftsgemeinschaft nicht bekannt.

Was wir nicht wissen, ist ein Ozean

Schließlich ist auch immer noch umstritten, wofür wir wissenschaftliche Forschung betreiben, wie sie funktioniert und was der „richtige“ Weg ist, sie zu praktizieren. Vor allem aber sollten uns zwei weitere Tatsachen stutzen lassen, wenn es um die Überlegenheit der wissenschaftlichen Methode der Wissenserweiterung geht. Erstens ist immer noch unklar, was Wissen eigentlich ist. Zweitens ist die wissenschaftliche Forschung nicht nur eine ziemlich zuverlässige Methode, unser Wissen zu erweitern, sie ist auch ziemlich gut darin unser Nichtwissen zu vermehren. Lassen Sie mich das vertiefen. Ich hatte bereits gesagt, daß wir bis heute nicht genau wissen, was Wissen ist, wie viele Arten von Wissen es gibt und wie wir es zuverlässig von Pseudowissen oder falschem Wissen unterscheiden können. Außerdem neigen viele Menschen dazu, Informationen mit Wissen zu verwechseln und Fakten mit Erkenntnissen gleichzusetzen. Ein großer Teil der Menschheit meint auch irrtümlicherweise, das Fehlen eines Beweises für ein Phänomen wäre auch gleichzeitig ein Beweis dafür, daß dieses Phänomen gar nicht existiert. Denke Sie kurz an unseren Freund, der von der Existenz von Außerirdischen überzeugt ist. Carl Sagan hätte dieser Hypothese solange Respekt gezollt, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Denn, wie es Sagan formulieren würde: Das Fehlen eines Beweises beweist gar nichts.

Was ist Wissen?

Natürlich wurde immer wieder versucht Wissen zu definieren. Eine weit akzeptierte Begriffsbestimmung definiert Wissen als „begründeten wahren Glauben“. Diese Definition wirft aber neue Probleme auf. Zum Ersten erweisen sich die meisten Theorien früher oder später als falsch. Ptolemäus zum Beispiel „wusste“, daß sich die Sonne um die Erde dreht. Heute sind wir ziemlich überzeugt davon, daß er falsch damit lag. Das Kriterium der Wahrheit bei der Definition von Wissen ist also selbst problematisch. Deshalb streben die meisten Forscher – vor allem in den Naturwissenschaften – auch nicht danach, die endgültige Wahrheit zu entdecken. Sie versuchen vielmehr, die bestmögliche Erklärung zu finden für das, was vor sich geht. Und das tun sie, indem sie Modelle von der Wirklichkeit entwerfen und testen. Zum Zweiten: Selbst wenn wir akzeptieren, daß Wissen etwas anderes ist als Annehmen, weil Begründung eine Voraussetzung für Wissen ist, müssen wir eines immer in Rechnung stellen: Der menschliche Denkprozess ist höchst anfällig für Fehler. Die meist verbreiteten Fehler sind kognitive Verzerrungen. Viele Menschen ziehen zum Beispiel aus anekdotischen Beobachtungen, aus einzelnen Ereignissen oder – schlimmer noch – aus ihrer eigenen Meinung oder ihren Vorurteilen allgemeine Schlussfolgerungen. Und auch unser vermeintliches Wissen kann dem Erkenntnisfortschritt im Wege stehen. Das passiert zum Beispiel immer dann, wenn Wissenschaftler nicht alle verfügbaren Daten nutzen, sondern nur solche, die zu ihren Annahmen passen. In einer Studie aus dem Jahr 2012 konnte gezeigt werden, daß sich in den wissenschaftlichen Journalen zunehmend Verzerrungen in Form von positiven Ergebnissen finden. Dieser Verlust an negativen Ergebnissen kann den wissenschaftlichen Fortschritt nachhaltig verhindern. Denn damit wird nicht nur die Funktion der kollektiven Selbstkorrektur in der Wissenschaft unterminiert. Damit wächst auch die Gefahr, daß bahnbrechende Forschung immer seltener wird.

Unser Wissen ist nur vorläufig

Gute Forschung aber hat keine Angst vor Fehlern. Im Gegenteil: „Wissenschaftliche Forschung schreitet mit jedem Begräbnis voran“, wie Max Planck einmal gesagt hat. Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sind immer vorläufig. Denn sie können jederzeit durch bessere Theorien, fortschrittlichere Methoden und zuverlässigere Daten abgelöst werden. Gerade darum ist wissenschaftliche Forschung nicht nur eine machtvolle Methode, unser Wissen zu erweitern. Durch ihren eingebauten Mechanismus zur Fehlerkorrektur ist sie auch besonders gut darin, unser Wissen zu verbessern, indem sie Irrtümer aufdeckt. Wissenschaftlicher Fortschritt bedeutet also ganz überwiegend Erfolg durch produktives Scheitern. Voraussetzung dafür ist aber, daß Wissenschaftler niemals aufhören zu zweifeln und skeptisch zu sein. Deshalb fand der bekannte russische Raketenforscher Isaac Asimov auch: „Die aufregendste Äußerung in der Wissenschaft, der Ausdruck der die meisten wissenschaftlichen Entdeckungen verkündet, ist nicht „Heureka!“, sondern: Das ist komisch…“ In der Wissenschaft ist Wissen also insofern flüchtig, als „wahre“ Wissenschaftler gar nichts als selbstverständlich betrachten. Tatsächlich zählen sie darauf falsch zu liegen, und wissen deshalb, daß sie nichts wissen. Richard Feynman soll diesbezüglich einmal gesagt haben: „ Wissenschaft ist der Glaube an die Unwissenheit von Experten.“

Wissenschaftlich Denken heißt in Fragen denken

Sie könnten sich nun fragen: „Meine Güte, warum erzählst der uns das alles?“ Naja, dafür gibt es mindestens drei Gründe. Zum ersten möchte ich Sie anregen, darüber nachzudenken, was Sie hier eigentlich tun. Das Studium einer akademischen Disziplin stellt auch an sie die Erwartung, daß Sie sich die wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise zu Eigen machen, daß Sie lernen weniger in Antworten als in Fragen zu denken. Erfahrungsgemäß fällt das vielen Studenten aber nicht leicht. Denn viele Studenten bleiben zunächst dem schulischen Denken in endgültigen Antworten und Entweder-oder-Kategorien oder „richtig“ oder „falsch“ verhaftet. Zum Zweiten will ich Sie ermuntern, gleichermaßen neugierig wie skeptisch zu bleiben. Und vor allem will ich Sie darin bestärken, mutig zu sein. Jacob Bronowski, ein britischer Mathematiker und Biologe, sagte einmal: „Wissenschaft ist zu akzeptieren, was funktioniert, und zu verwerfen, was nicht funktioniert. Dazu braucht man mehr Mut, als man denken kann.“ Und es gibt einen dritten Grund, warum ich Ihnen das alles erzähle. Ich hoffe nämlich, daß Sie nun besser verstehen werden, warum sich an die wissenschaftliche Arbeitsweise bestimmte Anforderungen stellen.

Nachprüfbarkeit, Vollständigkeit, Übersichtlichkeit

Ich will an dieser Stelle drei besonders wichtige Standards und Prinzipien wissenschaftlicher Arbeitsweise hervorheben, nämlich: erstens das Prinzip der Nachprüfbarkeit und Wahrhaftigkeit, zweitens das Prinzip der Vollständigkeit und drittens das Prinzip der Übersichtlichkeit.
Eine Grundvoraussetzung von Nachprüfbarkeit ist eine präzise und verständliche Sprache. Denn nur wenn Ihre Aussagen verständlich und begrifflich klar formuliert sind, können sie von anderen Personen auf empirische und logische Wahrheit überprüft werden. Außerdem leitet sich aus dem ersten Standard die Erwartung ab, daß Sie für die Verwendung eines direkten oder indirekten Zitats eine Quelle nachweisen. Außerdem müssen Sie immer kenntlich machen, wenn Sie fremdes Gedankengut von jemandem übernehmen. Und auch eine Manipulation von Quellen oder Statistiken stellt einen ernsthaften Verstoß gegen die gute Praxis wissenschaftlicher Arbeitsweise dar. In der Wissenschaft werden aufgedeckte Plagiate und Manipulationen auf das Schärfste sanktioniert. In dieser Weise unethisch handelnde Forscher können zum Beispiel von weiterer Forschungsförderung ausgeschlossen werden. Sie können ihre akademischen Titel verlieren oder in schweren Betrugsfällen sogar strafrechtlich verfolgt werden – ganz zu schweigen von dem schweren Schaden an der eigenen wissenschaftlichen Reputation. Die aufgedeckten Betrugsfälle in den akademischen Qualifikationsarbeiten prominenter Politiker in den vergangenen Jahren stellen also keine Kavaliersdelikte dar. Hier wurde gelogen, betrogen und fremdes geistiges Eigentum gestohlen. Ein Betrüger bleibt ein Betrüger – egal, ob er mir nun einen Gebrauchtwagen mit frisiertem Tacho andrehen will oder ob er gefälschte Daten zu den Wirkungen eines neuen Medikaments gegen Alzheimer publiziert. Und ein Dieb bleibt ein Dieb – völlig egal, ob ein Song gestohlen oder die brillante Idee einer neuartigen wissenschaftlichen Theorie geklaut wird.

Vollständigkeit

Das Prinzip der Vollständigkeit bezieht sich darauf, den bisherigen Forschungsstand zu einem Thema möglichst gewissenhaft und umfassend aufzuarbeiten. Hier ist das Streben das Ziel. Denn zu vielen Themen ist die Forschung inzwischen wirklich weit fortgeschritten und manchmal eigentlich auch nur noch schwer zu überblicken. Trotzdem wird von jeder wissenschaftlichen Arbeit erwartet, daß sie an den bisherigen Stand der Forschung in dem jeweiligen Themenfeld anknüpft. Nach dem, was ich Ihnen bisher erklärt habe, müsste Ihnen nun eigentlich auch besser einleuchten, warum das so ist. Wissenschaftlicher Fortschritt entwickelt sich kumulativ und additiv. Es wäre daher eine ungeheure Verschwendung von intellektuellen, aber auch finanziellen Ressourcen, wenn wir das Rad jedes Mal neu erfinden würden. Wenn wir aber herausfinden wollen, ob wir irgendwas Neues zu sagen haben, müssen wir auf dem vorhanden Wissen aufbauen und uns gründlich mit der vorhandenen Forschungsliteratur in dem jeweiligen Feld beschäftigen. Das ist im Übrigen ein Grund dafür, warum ich Sie, werter Leser, ermutigen möchte, daß Sie für viele Klassiker und bahnbrechende Studien ein Interesse entwickeln. Natürlich müssen wir uns auch immer fragen: Was sagt uns eine Untersuchung, was wir nicht bereits wissen?

Übersichtlichkeit

Das Prinzip der Übersichtlichkeit dient vor allem dazu, den wissenschaftlichen Erkenntnisweg offen zu legen. Nur so werden die Forschungsergebnisse intersubjektiv nachvollziehbar und vor allem kritisierbar. Forschung, die sich gegen Kritik immunisiert, ist wertlose Forschung. Damit eine wissenschaftliche Arbeit dem Prinzip der Übersichtlichkeit entspricht, wird erwartet, daß sie klar aufgebaut und nachvollziehbar gegliedert ist. Besonders wichtig ist außerdem eine stringente – das heißt verständliche und widerspruchsfreie – Argumentation. Verschwurbelte Bandwurmsätze, die mit vielen inhaltsleeren Fachbegriffen gespickt werden, sind also kein Beleg für einen überdurchschnittlichen Intellekt. In der Regel bedeuten solchen Sätze nur, daß jemand nicht in der Lage war, seine Gedanken klar zu formulieren. Zugleich ergeben sich aus dem bisher Gesagten aber auch einige Herausforderungen, die ich hier nur in skizzenhaften Fragen ansprechen kann: Wie gehen wir mit Komplexität und Multikausalität um? Wie finden wir zu Instrumenten, die uns sowohl zuverlässige als auch gültige Ergebnisse liefern? Wie gewinnen wir aus einer Fülle von Daten und Informationen Wissen? Wie gehen wir mit einem Übermaß an Gewissheit um, wenn uns Internetsuchmaschinen mit einer Überfülle an vorgefertigten Antworten ausstatten, sodass wir zwar fähig sind, alle möglichen Fragen zu beantworten, aber vielleicht nicht mehr klug genug sind, Fragen zu stellen? Und was zählt zu den Dingen, die keinen Sinn machen, weil wir sie auf Grundlage unseres bisherigen Wissens, mit Hilfe unserer Theorien und Instrumente nicht erklären können? Ich kann diese Probleme hier nur nennen und diese Aufzählung ist auch keinesfalls erschöpfend. Aber das sind große Herausforderungen für Wissenschaft und Forschung. Und daraus ergibt sich aber auch folgerichtig die Frage, was gute Forschung eigentlich ausmacht.

Was ist gute Forschung?

Am Anfang guter Forschung stehen immer zwei Fragen.
Erstens: Was wissen wir bereits?
Zweitens: Was wollen wir herausfinden und dazulernen?
Die zentrale Antriebskraft von Forschung sind Rätsel und Anomalien. Gute Forschung interessiert sich also für das, was wir noch nicht wissen. Tatsächlich finden die meisten Forscher bereits existierendes Wissen ziemlich langweilig. Für jemanden aber, der Antworten besser findet als Fragen, und für eine, die Gewissheiten Möglichkeiten vorzieht, mag Unwissen wie ein Defekt erscheinen oder wie ein Makel. Stuart Firestein, Neurowissenschaftler an der NY Columbia University, argumentiert aber dafür, Ignoranz und Unwissen als mächtige Triebfedern der Forschung wiederzuentdecken. Dabei hat er aber nicht das negativ konnotierte Alltagsverständnis von Ignoranz im Sinn. Er meint mit Ignoranz eine kollektive Wissenslücke – also einen Wissensstand, in dem uns bestimmte Tatsachen und Erkenntnisse fehlen und wir bestimmte Zusammenhänge und Sachverhalte nicht verstehen. Das ist also eine wissende Ignoranz – eine scharfsinnige und einsichtsvolle Ignoranz. Diese Ignoranz hilft uns, bessere Fragen zu stellen, die ein erster Schritt zu besseren Antworten sind. Es geht also darum, sich das Nichtwissen bewusst zu machen. Denn bewusstes Nichtwissen ist der erste Schritt zur Entdeckung. Danach ist es vor allem das Unbekannte, das unsere Neugier weckt, unsere Phantasie anregt, unsere Kreativität entfacht und unsere intellektuelle Kühnheit ermutigt. Allerdings ist diese positive Auffassung von Ignoranz und Unwissen auch eine Herausforderung für die Wissenschaft und für unsere Fähigkeit, Antworten auf offene Fragen zu finden.

Gute Fragen sind der Schlüssel

Wir müssen nämlich auch klug genug sein, Fragen überhaupt formulieren zu können. Das kommt Ihnen trivial vor? Nun, vielleicht kennen manche unter Ihnen den Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. In dieser Geschichte entwickeln pandimensionale, hyperintelligente Wesen den Computer „Deep Thought“. Deep Thought wurde gebaut, damit er eine Antwort gibt auf die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. 7,5 Millionen Jahre später ist die Antwort berechnet und lautet „42“. Moment mal – 42? Erst jetzt wird den Erbauern von Deep Thought klar, daß sie gar nicht wissen, wie die Frage lautet. Bis die berechnet ist, dauert es weitere 10 Millionen Jahre. Kathrin Passig und Aleks Scholz leiten aus dieser Geschichte in ihrem „Lexikon des Unwissens“ zwei wichtige Einsichten ab. Erstens sollte man die Frage kennen, wenn man die Antwort verstehen will, und zweitens ist es oft schwieriger, die richtige Frage zu stellen, als sie zu beantworten. Der Physiker Eugene Wigner zum Beispiel erhielt 1963 die Hälfte des Nobelpreises dafür, daß er die richtige Frage gestellt hatte, nämlich die nach dem Grund für die magischen Zahlen im Periodensystem der Elemente. Die andere Hälfte des Nobelpreises ging an die beiden Forscher, die auf diese Frage die Antwort fanden. Für Ihren Erkenntniszuwachs ist also vor allem wichtig, daß Sie sich Fragen stellen. Und vielleicht bringt es Ihnen sogar mal großen Ruhm ein. Fragen jedenfalls sind der Anfang aller Forschung. Eine wissenschaftliche Arbeit, die keine Forschungsfrage enthält, ist demzufolge nichts wert.

Was ist eine gute Frage?

Hier ein paar grundlegende Hinweise, worauf Sie bei der Formulierung einer sozialwissenschaftlichen Frage achten sollten. Der erste und zugleich grundlegendste Tipp: Formulieren Sie Ihre Frage so konkret wie möglich. Denn je konkreter Ihre Fragestellung ist, desto einfacher ist es auch, Ihr Vorgehen zu planen und erfolgreich umzusetzen. Außerdem sollten Sie darauf achten, daß sich Ihre Frage auch als Frage formulieren lässt. Wenn Sie das nicht können, steckt Ihr Geist vielleicht zu sehr in Antworten fest, sind Ihre Gedanken zwischen Konzepten eingekeilt oder über ein vages Interesse an einem Thema noch nicht wirklich hinausgewachsen. Verwenden Sie auch Mühe darauf, Ihren Untersuchungsgegenstand sinnvoll einzugrenzen – zum Beispiel zeitlich oder territorial. Und schließlich sollten Sie sich immer fragen, ob – und wenn ja, wie – Ihre Frage empirisch analysiert werden kann. Die richtigen Fragen zu stellen und damit unser Unwissen zu enthüllen, ist also genauso eine wichtige Aufgabe von Wissenschaft, wie Antworten auf bekannte Fragen zu finden.

Was ist Unwissen?

Das konfrontiert uns aber mit einer zweiten Herausforderung. Wir müssen uns nämlich vor Augen halten, daß wir es mit unterschiedlichen Kategorien von Unwissen zu tun haben. Da gibt es zum einen Dinge, von denen wir wissen, daß wir sie nicht wissen. Daneben existieren aber auch Dinge, von denen wir nicht einmal wissen, daß wir sie nicht wissen – das sind die berühmten „unknown unknowns“. Und schließlich haben wir es auch immer wieder mit „unknowable unknows“ zu tun. Das ist Wissen, das wir aufgrund inhärenter und unerbittlicher Beschränkungen niemals erwerben können. Als ein Beispiel dafür nennt Firestein die Geschichte – wenn Daten für immer verloren und auch nicht ersetzbar sind.

Vertrackte Probleme

Ein anderes Beispiel für „unknowable unknowns“ sind sogenannten „wicked problems“, die sich von zahmen Problemen durch verschiedene Charakteristika unterscheiden. Zum Beispiel sind vertrackte Probleme schlecht formuliert, weil es schwierig ist, zu sagen, worin eigentlich genau das Problem besteht. Sie stehen mit anderen Problemen in einem gegenseitigen Zusammenhang. Und es gibt auch keine beste Lösung für ein „wicked problem“. Außerdem ist jedes vertrackte Problem einzigartig. Bereits erprobte Lösungen können deshalb nicht greifen. Vertrackte Probleme sind in den Sozialwissenschaften im Allgemeinen und der Politikwissenschaft im Besonderen von einiger Bedeutung. Denn viele gesellschaftliche Probleme sind tatsächlich verzwickt genug, um die Eigenschaften eines „wicked problem“ zu erfüllen. Ein viel zitiertes und intensiv beforschtes „wicked problem“ ist der globale Klimawandel. Wir wären jedenfalls um vieles besser dran, wenn wir wüssten, wann wir mit einem „wicked problem“ konfrontiert sind. Denn dann wüssten wir auch, daß es keine ultimative Lösung dafür gibt, sondern nur eine Lösung, die gut oder schlecht, besser oder schlechter, zufriedenstellend oder gut genug ist. Wenn wir mehr über Vertrackte Probleme wüssten, würde das die Politik vermutlich klüger und politisches Versagen wahrscheinlich seltener machen.

Die dunkle Seite des Wissens

Wissende, scharfsinnige und einsichtsvolle Ignoranz könnte uns auch helfen, die dunklen Seiten des Wissens zu erkennen. Manchmal nämlich verhindert „vermeintliches Wissen“ unseren Erkenntnisfortschritt, weil es unser Unwissen verleugnet. Wir versuchen dann gar nicht weiter, nach Erklärungen für ein Phänomen zu suchen. Wenn wir aber unser Bewusstsein dafür schärfen, was wir wissen und vor allem, was wir alles nicht wissen, wären wir auch in der Lage, die Grenzen unseres Unwissens zu verschieben. Um das Unbekannte zu erforschen, müssen wir unsere Erfahrung also hinter uns lassen. Nicht indem wir missachten, was wir bereits wissen, sondern indem wir dem, was wir nicht wissen, mehr Aufmerksamkeit schenken und größere Priorität einräumen. Für die wissenschaftliche Forschung bedeutet das, systematisch unser Nichtwissen zu sammeln. Und für die akademische Lehre heißt das, Ihnen beizubringen, vor allem in Fragen zu denken. Tatsächlich ist unser Nichtwissen viel, viel größer als unser Wissen. Schon vor 300 Jahren bekannte Isaac Newton: „Was wir wissen, ist ein Tropfen. Was wir nicht wissen, ist ein Ozean.“ Und die alte Kulturtechnik des Vergessens führt immer wieder in der Geschichte der menschlichen Zivilisation dazu, daß neue Wissenslücken entstehen. Manche Themen sind aber auch deshalb nicht oder wenig erforscht, weil sie als albern gelten. Aber was genau wir für albern halten und in welchem Maße wir das tun, das ändert sich im Laufe der Zeit. Dafür finden sich im schon erwähnten Lexikon des Unwissens von Passig und Scholz schöne Beispiele: 2005 erschien das Buch „Freakonomics“. Das befasste sich unter anderem mit den wirtschaftlichen Feinheiten des Drogenhandels, des legalen Säuglingsmords und der Wahl von Kindernamen. Seitdem das Buch mehr als vier Millionen Käufer fand, gilt im Bereich der Wirtschaftswissenschaft praktisch keine Frage mehr als erforschungsunwürdig. Auch die ansonsten vernachlässigte Sexualforschung hat in einigen Teilbereichen durch die Erfindung von Viagra neuen Aufwind bekommen. Die Glücksforschung, die zu Beginn als frivoler Forscherspaß galt, hat sich soweit durchgesetzt, daß sich inzwischen mehrere Länder an der Einführung eines „Bruttonationalglücks“ abarbeiten. Und vielleicht lachen wir immer noch über James Ward, der vor einigen Jahren eine Konferenz zum Thema „Boring 2010“ organisierte. Aber mal ehrlich – wer weiß schon, wie viel Geld in 50 Jahren für Langeweileforschung ausgeschrieben wird. Und schließlich kennt die Geschichte der deutschen Zivilisation unzählige Beispiele, wo Wissenschaft als Häresie verboten und Forschung als Ketzerei verfolgt und bekämpft wurde. Der Journalist Charles Seife zum Beispiel hat ein Buch über die Null geschrieben. Er weiß zu berichten – die Menschheit hat der Null und der Leere stets misstraut. In der griechischen Antike galten sie als unnatürlich und irreal. Theologen haben argumentiert, daß Gottes Urakt darin bestand, die Leere durch die Schöpfung des Universums ex nihilo zu bannen. Und mittelalterliche Denker versuchten sogar, die Null und die anderen indischen Ziffern zu verbieten. Die Menschen sind ziemlich einfallsreich, wenn es darum geht, Dogmen zu errichten, Fundamentalismen auszubrüten und intellektuelle Einschüchterung zu betreiben – sei es mit dem Schwert oder mit der Feder. Vor diesem Hintergrund lobt der Psychologe Steven Pinker die Wissenschaft als eingensinnige Methode der Welterkenntnis. Denn die Wissenschaft zeigt uns die Welt, wie sie ist, ohne Rücksicht auf persönliche Empfindlichkeiten zu nehmen. Und der bekannte Evolutionsbiologe Richard Dawkins ergänzt: „Gefährliche Ideen haben die Menschheit stets vorangetrieben, gewöhnlich zum Entsetzen der Mehrheit eines jeden Zeitalters, die am Vertrauten hängt und Veränderungen fürchtet. Nun ist die gefährliche Idee von gestern die Orthodoxie von heute und das Klischee von morgen.“

Widerlegbarkeit als Gütekriterium

Gute Forschung heißt deshalb auch, Vorurteile, Konzeptionen und Hypothesen zu testen. Und zwar so rigoros wie möglich. Mit anderen Worten: Schlechte Forschung trachtet danach, die eigenen Behauptungen zu bestätigen. Dagegen ist gute Forschung darauf bedacht, die eigenen Annahmen zu widerlegen. Das setzt allerdings auch voraus, daß prinzipiell widerlegbare Hypothesen formuliert werden. Wenn Sie wissenschaftliche Texte lesen, werden Sie feststellen: Viele Publikationen können diesen Ansprüchen nicht genügen. Das aber führt dann eben auch dazu, daß wir nichts Neues lernen können. Unser Erkenntnisgewinn ist dann minimal oder manchmal sogar gleich Null.
Aus all diesen Qualitätsanforderungen an gute Forschung ergeben sich drei wichtige Konsequenzen. Erstens: Wir müssen klare Begriffe, Kategorien und Konzepte verwenden, um zu beschreiben, welche speziellen Aspekte von Wirklichkeit wir untersuchen. Die Realität allein sagt uns noch nichts darüber, wie sie klassifiziert und verstanden werden kann. Das tun unsere theoretischen Konzepte und normativen Interessen. Viele politikwissenschaftlichen Analysen, die in Einleitung oder Zusammenfassung behaupten: „Das Problem ist sehr kompliziert“, haben die Forschungsfrage und die zentralen Konzepte einfach nicht gut genug definiert. Forschung mit unklaren Konzepten oder Forschung, die behauptet, Interesse am Ganzen zu haben, führt dann auch meist zu schwachen Analysen und vagen Schlussfolgerungen. Warum? Das Forschungsproblem ist von Anfang an nicht klar genug durchdacht. Zweitens: Wir sollten uns vor gesetzesähnlichen Generalisierungen hüten. Alle Muster und Beziehungen, die in den Sozialwissenschaften etabliert wurden, sind vorläufig, probabilistisch und bedingt durch die Zahl erkannter und unerkannter Einflussfaktoren. Sie sollten entsprechend lernen, anhand von Anekdoten keine Verallgemeinerung vorzunehmen und subjektive Verzerrungen möglichst auszuschließen. Lernen Sie aber auch, den Respekt vor persönlichen Meinungen zu untergraben, und machen Sie sich ein kritisches und skeptisches Denken zur Gewohnheit. Das alles hilft Ihnen nicht nur, Ihren kognitiven Werkzeugkasten zu verbessern – „Manchmal ist es alles, was zählt, um die Welt zu retten“, wie Richard Dawkins einmal sagte.
Drittens: Gute Forschung, die sich an den beiden Ausgangsfragen orientiert, benötigt immer auch ein systematisches und strategisches Vorgehen. Im wissenschaftlichen Prozess der Erkenntnisgewinnung kommen daher immer bestimmte Methoden zum Einsatz, um Wirklichkeit durch systematisches und strategisch geplantes Vorgehen zu erfassen. Dabei sind diese Methoden eigentlich nichts anderes als die Wege, die Sie beschreiten um ans Ziel zu kommen – nämlich zu erkennen. Wie man oft auch im normalen Leben zwischen mehreren Wegen wählen muss, muss man sich auch in der Wissenschaft bei der Auswahl ganz unterschiedlicher Methoden festlegen. Und genauso wie Sie im normalen Leben entscheiden, auf welchem Weg Sie am besten, schönsten oder kürzesten an Ihr Ziel kommen, ist die Wahl einer Methode in der Wissenschaft davon abhängig, was man herausfinden will, welche Frage man beantworten möchte und welches Problem man lösen will. Wie ich also vorhin schon einmal sagte: Wenn Sie keine Erkenntnisfrage haben, ist auch eine Antwort unwahrscheinlich.

Wissenschaftliche Methoden

Forschung lässt sich jedenfalls auch als ein Prozess permanenter Entscheidungen oder als Strategie zur Lösung von Problemen beschreiben – und Methoden sind das Mittel dafür. Dabei umfassen wissenschaftliche Methoden zwei Gegenstandsbereiche. Zum ersten Bereich gehören die wissenschaftlichen Arbeitstechniken. Hier geht es also um den Umgang mit Hilfsmitteln aller Art, zum Beispiel Recherchieren und Bibliographieren, Zitieren und Exzerpieren. Der zweite Gegenstandsbereich umfasst die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden im engeren Sinne. Unterschieden wird hier noch einmal zwischen allgemeinen und speziellen Arbeitsmethoden. Zu den allgemeinen wissenschaftlichen Arbeitsmethoden gehören die Logik oder auch die Mathematik. Beispiele für spezielle Arbeitsmethoden sind die quantitativen und qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung. Aber auch geisteswissenschaftliche Methoden, wie die Dialektik oder die Phänomenologie, zählen zu den speziellen wissenschaftlichen Arbeitsmethoden.
Welche Methode Sie jeweils konkret anwenden werden, ist im Wesentlichen von zwei Faktoren abhängig. Zum Ersten ist die Wahl Ihrer Methode von Ihrem Wissenschaftsverständnis beeinflusst. Darauf gehe ich gleich noch etwas genauer ein. Zum Zweiten bestimmt ihr Erkenntnisinteresse die Wahl ihrer Methode. Das heißt, lassen Sie niemals – wirklich niemals – Ihre Methode Ihre Forschungsfrage bestimmen! Denn wer seine Methoden gut beherrscht, ohne zu wissen, mit welchem Ziel er sie anwendet, ist vielleicht ein guter Handwerker, ein Entdecker und Forscher ist er damit aber noch lange nicht. Ihr Erkenntnisinteresse bestimmt also die Wahl Ihrer Methode und nicht umgedreht. Das bedeutet aber auch: Sie müssen für sich selbst entscheiden, welche Art von Wissen Sie anstreben.

Verfügungs- und Orientierungswissen: wie? vs warum?

Jürgen Mittelstraß hat vorgeschlagen, hierbei zwischen zwei Formen von Wissen zu unterscheiden: Erstens das Verfügungswissen und zweitens das Orientierungswissen. Das Sach- und Verfügungswissen ist ein Wissen um Ursachen, Wirkungen und Mittel. Hier geht es um Fragen der Technik im Sinne des „Wie“ und um Fragen der Machbarkeit. Forschung, die nach Verfügungswissen strebt, widmet sich vor allem funktionsbezogenen Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Demgegenüber ist Orientierungswissen ein Wissen um gerechtfertigte Zwecke und Ziele. Es ist ein regulatives Wissen, das sich um Fragen nach dem „Warum“ dreht. Forschung, die das Orientierungswissen der Menschen mehren will, ist daran interessiert, Zusammenhänge von Sinngebung aufzudecken. Mittelstraß argumentiert nun, daß Verfügungswissen tatsächlich vielfältige Probleme lösen kann – aber eben nicht alle Probleme. Denn das Verfügungswissen beantworte Fragen nach dem, was wir tun können. Es beantwortet aber keine Frage nach dem, was wir tun sollen. Damit das Können nicht orientierungslos wird, gehören Verfügungs- und Orientierungswissen zusammen. Im Übrigen brauchen wir das Verfügungswissen schon deshalb, um zwischen wichtigen und trivialen oder unechten Problemen unterscheiden zu können. Dazu schreibt Evgeny Morozov, Autor von „Smarte Neue Welt“: „Nur weil wir ‘smarte’ Lösungen haben, um jedes einzelne Problem unter der Sonne zu lösen, heißt das nicht, daß alle diese Probleme auch unsere Aufmerksamkeit verdienen. Tatsächlich sind manche von diesen Problemen wahrscheinlich überhaupt keine Probleme.“

Gesellschaftlicher Druck

Die heutige Wissenschaftswelt tendiert dazu, die Produktion von Verfügungswissen zu privilegieren. Die zentrale Ursache dafür ist, daß sich wissenschaftliche Forschung einem wachsenden Verwertungsdruck ausgesetzt sieht und seit einigen Jahren auch zunehmend für gesellschaftspolitische Zielstellungen in die Pflicht genommen wird. Wirklich offene Fragen, bei denen das Risiko des Scheiterns groß ist, wird hingegen meist wenig Interesse und Aufmerksamkeit entgegengebracht. Vor allem werden dafür selten oder gar keine öffentlichen Mittel zur Verfügung gestellt. In Forschungsanträgen muss entsprechend oft stehen, was am Ende eigentlich herauskommen soll. Gerechtfertigt wird diese Forderung in der Regel damit, daß öffentliche Mittel Steuergeld sind, und deshalb irgendeinen Nutzen nachweisen müssen. Ich halte es für problematisch und potenziell für gefährlich, wenn der Schwerpunkt wissenschaftlicher Forschung von der Entdeckung vollkommen auf die Anwendung verlagert wird. Wenn wir nur noch Forschung gutheißen, die auf Anwendung orientiert ist, und wenn eine Gesellschaft nur noch einen wissenschaftlichen Erkenntnisdrang fördert, der seine unmittelbare Nützlichkeit nachweisen kann, riskieren wir das Glück der kommenden Generationen. Denn irgendwann wird niemand mehr da sein, der seine Forschung auf das Unbekannte ausrichtet, von dem wir heute noch nicht wissen können, ob – und wenn ja, welchen – anwendungsbezogenen Nutzen es vielleicht einmal haben wird.

Gefährdung der Nation

Ganz ähnlich hat es Alan Harris, ein britischer Astrophysiker am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, vor einiger Zeit schon in der FAZ formuliert. Er stellte fest: „Die permanente Verbesserung der Kerze wird nicht zur Erfindung der Glühbirne führen.“ Um Roger Schank, ein Kognitionswissenschaftler und Theoretiker Künstlicher Intelligenz zu paraphrasieren: Ich bin beunruhigt darüber, daß wir aufhören, ‘Warum?’ zu fragen, daß die Deutschen das Denken verlernen, keine Schlussfolgerungen anhand von Belegen ziehen können und nicht einmal wissen, was solche Belege überhaupt wären. Entsprechend groß ist meine Sorge um die Entwicklungschancen des deutschen Volkes: Ich mache mir Sorgen darüber, daß die Deutschen als Nation weiterhin Entscheidungen treffen werden, die dümmer und dümmer sind, und daß niemand mehr da sein wird, der klug genug ist, um diese schlechten Entscheidungen zu erkennen oder in der Lage ist, etwas gegen sie zu tun.

In der Dominanz des Verfügens – oder Verfügungs- über das Orientierungswissen – sah Jürgen Mittelstraß die Gefahr einer „Bewusstlosigkeit der Gesellschaft“.

Alternativlos in den Abgrund

Eine Konsequenz davon wäre zum Beispiel, das keine politischen Entscheidungen mehr getroffen werden, sondern nur noch das Machbare in Erwägung gezogen wird. Eine Ausdrucksform dafür ist die undemokratische TINA-Strategie, die mit der behaupteten Alternativlosigkeit einer Entscheidung andere Argumente diskriminiert und demokratische Diskussionen unterbindet. TINA deshalb, weil abgeleitet von dem Ausspruch der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher: „There is no alternative.“ Nach meiner persönlichen Auffassung wurde „alternativlos“ daher auch völlig zu Recht Unwort des 2010. Eine weitere Ausdrucksform der TINA-Strategie ist eine Expertenherrschaft als politischer Ausdruck einer Technokratie, wie sie häufig auch der Funktionsweise der europäischen Union kritisch attestiert wird.

Idiographisch und Nomothetisch – Der Methodenstreit

Sie sollten jedenfalls Folgendes wissen: Beide Arten von Wissen – also sowohl das Verfügungs- als auch das Orientierungswissen – haben ihre Berechtigung. Sie sollten auch verstehen lernen, wie sich beide Wissensarten gegenseitig ergänzen und das sie sich nicht ausschließen. Welche Methoden ein Forscher – und damit auch Sie selbst – wählen, hängt aber immer auch vom eigenen Wissenschaftsverständnis ab. Das lässt sich auf zwei grundlegende Positionen zurückführen, nämlich erstens die verstehenden Positionen und zweitens die erklärenden Positionen. Diese beiden Positionen werden als Kern zweier unterschiedlicher Wissenschaftsauffassungen bezeichnet. Die erste Auffassung wird als idiographische Wissenschaft bezeichnet, die zweite Auffassung als nomothetische Wissenschaft.
Diese Unterscheidung geht übrigens auf eine Auseinandersetzung vor mehr als 100 Jahren zurück, als um 1900 um die angemessene Methoden in den Sozialwissenschaften gestritten wurde. Entfacht wurde der Methodenstreit vor allem mit der Gründung und Etablierung der Soziologie, die sich mit ihrer gesellschaftskritischen Problemdefinition eher erklärenden Methoden zuwandte. Lassen Sie mich aber zuerst auf die verstehenden Positionen eingehen.

Idiographisch

Verstehende Positionen gehen von unterschiedlichen Realitäten aus. Das heißt, sie sehen eine prinzipiellen Unterschied zwischen der Realität der Natur auf der einen Seite und der Realität der Kultur oder Gesellschaft auf der anderen Seite. Nach Auffassung der verstehenden Positionen ist die Beschaffenheit gesellschaftlicher Phänomene durch einen spezifischen Sinngehalt charakterisiert. Der Sinn gesellschaftlicher Realität geht aus den Absichten, Motiven und Sollensvorstellungen der Deutschen hervor. Um diesen Sinngehalt zu verstehen, sind Interpretationen nötig. Dabei wird versucht, durch die Abstraktion empirischer Informationen auf den Sinngehalt eines gesellschaftlichen Phänomens zu schließen. Hier geht es also in erster Linie um den Einzelfall und um den Versuch, einen besonderen Fall zu verstehen. Das dafür zum Einsatz gebrachte Verfahren beziehungsweise die entsprechende Methode ist die Hermeneutik. Darunter wird ein einsichtsvolles Verstehen verstanden, das sich an den Leitkriterien von Vernunft, Intuition und Diskurs orientiert. Als Prämisse gilt dabei: Wissen ist objektiv. Es existiert also unabhängig vom Standpunkt des Betrachters. Es komme daher vor allem auf die Deutungskompetenz der Gesellschaftswissenschafter an, um dieses Wissen durch Sinndeutung zu erschließen. Das vorrangige Ziel ist dabei, aus der Sinndeutung der politischen Wirklichkeit Werte abzuleiten. Demzufolge dominieren normative Positionen die Ergebnisse hermeneutischer (Hermeneutik: die Kunst der Auslegung und Deutung von Texten) Methoden.

Nomothetisch

Die Vertreter erklärender Positionen glauben hingegen nicht, daß sich die Realität von Natur und Gesellschaft im Wesen ihres Wahrheitsgehaltes unterscheiden. Ausgangspunkt ist hier die folgende Überlegung: Gesellschaftliche Abläufe und Zustände können anhand beobachtbarer und messbarer Merkmale beschrieben und erklärt werden. Vor allem lassen sie sich auf allgemeine Gesetze zurückführen. Das heißt, Anhänger erklärender Positionen fragen nicht nach dem Sinn eines Phänomens. Vielmehr fragen sie, anhand welcher empirischen Merkmale dieses Phänomen beschrieben werden kann. Unser Wissen ist deshalb weder von unseren interpretativen Begabungen noch von unserem intuitiven Nachempfinden abhängig. Vielmehr hängt unser Wissen davon ab, wie scharf unsere Beobachtungen sind und wie gut wir unser methodisches Instrumentarium beherrschen. Das Anliegen der erklärenden Positionen ist auch nicht das Einzelphänomen. Nomothetische Wissenschaft will universelle Merkmalsbeziehungen entschlüsseln, die über den spezifischen Kontext eines Einzelphänomens hinausreichen. Der Einzelfall gilt hier also nur als ein Beispiel für allgemeine Gesetze. Diese allgemeinen Gesetze wiederum werden durch Generalisierung – also durch Verallgemeinerung – beobachtbarer Merkmalszusammenhänge formuliert. Das dafür eingesetzte Verfahren ist die Heuristik. Die Heuristik orientiert sich an den Leitkriterien logischer Schlüssigkeit und der empirischen Prüfbarkeit wissenschaftlicher Aussagen. Vor allem aber verlangt sie eine strikte Trennung von Werturteilen und Tatsachenaussagen. Im kontrastreichen Gegensatz zu verstehenden Positionen gilt hier denn auch die Prämisse: Es gibt kein objektives Wissen – also kein Wissen, das vom jeweiligen Betrachterstandpunkt unabhängig existiert. Relevant ist nach dieser Auffassung allein, ob sich Erklärungen empirisch bewähren. Ob damit aber auch der Sinnbezug realer Phänomene verstanden ist, ist nach dieser Wissenschaftsposition eher eine metawissenschaftliche Frage. Die heuristischen oder erklärenden Positionen gehen außerdem analytisch vor. Was aber genau … Was heißt das?

Analytische Trennung

Analytisch bedeutet zunächst einmal, Zusammenhänge aufzudecken. Die erste wichtige Voraussetzung dafür ist eine analytische Trennung. Etwas flapsig formuliert: Wir tun also so, als ob bestimmte Phänomene, die auf vielfache Weise zusammengehören, strikt voneinander getrennt sind. Ein Beispiel dafür ist, wenn wir eine analytische Unterscheidung treffen zwischen politischer Kultur, politischer Struktur und politischem Prozess. In der Realität hängen diese drei Phänomene natürlich eng miteinander zusammen. Doch wenn wir empirische Komplexität nicht durch analytische Trennung reduzieren, werden wir große Schwierigkeiten haben, eindeutige und konkrete Fragen zu formulieren und ein klares Forschungsdesign zu entwickeln. Aber es gibt noch eine andere Voraussetzung dafür, Zusammenhänge aufzudecken.

Explanandum und Explanans

Wir müssen zum Ersten klarmachen, was eigenlich unser Explanandum – unsere abhängige Variable – ist. In wissenschaftlichen Modellen wird dafür gewöhnlich der Großbuchstabe Y verwendet. Mit der abhängigen Variablen wird immer der Erkenntnisgegenstand bezeichnet, also das, was wir erklären wollen. Zum Zweiten müssen wir unser Explanans festlegen. Wir müssen also jene unabhängigen Variablen spezifizieren, die unserer Vermutung nach einen Einfluss auf die abhängige Variable haben. Für die unabhängige Variablen, die natürlich auch mehr als nur eine sein können, wird in der wissenschaftlichen Modellbildung der Großbuchstabe X verwendet. Die Festlegung von abhängiger und unabhängiger Variable geht auf unsere theoretischen Überlegungen zurück und hängt natürlich davon ab, welche Frage wir beantworten wollen. Auch daran sehen Sie, wie wichtig es ist, zunächst die Frage zu kennen, bevor Sie nach einer Antwort suchen. Lassen Sie mich in aller Kürze klären, was wir im Folgenden unter einer Variable verstehen wollen.

Objekt – Merkmal – Ausprägung: Konstante und Variable

Politikwissenschaftler, Verwaltungswissenschaftler und Soziologen beschäftigen sich mit ganz unterschiedlichen Untersuchungsobjekten: mit Menschen ebenso wie mit Gruppen, mit Gemeinden, Regionen oder ganzen Staaten, mit Organisationen wie der Bürokratie, politischen Parteien oder Bürgerinitiativen, mit den Einstellungen von Personen und ihrem Verhalten. All diese Objekte weisen eine unbestimmte Zahl an Merkmalen auf. Hat ein solches Merkmal mindestens zwei Ausprägungen, werden sie in der Sprach der empirischen Sozialforschung als Variable bezeichnet. Hat ein Merkmal aber nur eine Ausprägung, sprechen wir von einer Konstanten. Machen wir uns das an einem Beispiel klar: Sie fragen sich, ob die unterschiedliche Wahlbeteiligung in den demokratisch regierten Ländern der Welt mit dem jeweils gültigen Wahlsystem in diesen Ländern zusammenhängt. Anders formuliert: Sie interessieren sich für den Zusammenhang der beiden Variablen „Wahlsystem“ und „Wahlbeteiligung“. Das Wahlsystem kann hier zum Beispiel drei Merkmalsausprägungen aufweisen: „Mehrheitswahlrecht“, „Verhältniswahlrecht“ und „Mischform“. Die Variable Wahlbeteiligung erfassen Sie anhand der numerischen Prozentwerte in den Untersuchungsländern – die theoretisch zwischen 0 und 100 Prozent variieren können. Ich will Ihnen dazu zwei Fragen stellen. Wie würde das Phänomen Wahlbeteiligung aussehen, wenn es keine Variable sondern eine Konstante wäre? Zum Zweiten: Was meinen Sie? Was wäre in diesem Beispiel die abhängige Variable und was die unabhängige Variable? Versuchen Sie sich bitte diese Fragen selbst zu beantworten.

Ursache und Wirkung

Ich werde jetzt nicht en detail auf die unterschiedlichen Formen kausaler Zusammenhänge eingehen. Wichtig ist, daß Sie sich immer Folgendes vor Augen halten: Erstens: Analytisches Vorgehen heißt, Zusammenhänge aufdecken zu wollen. Dazu zählen auch Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Zweitens: Wenn wir einen Zusammenhang zwischen mindestens zwei Phänomenen vermuten, formulieren wir eine Hypothese. Dabei muss – drittens – ein Zusammenhang nicht notwendigerweise eine kausale Beziehung – also eine Ursache-Wirkungs-Beziehung – beschreiben. Es gibt auch Beziehungen, die nicht kausal sind. Solche Beziehungen bezeichnen wir als Korrelationen. Ein Beispiel: Wir können vermuten, daß es einen Zusammenhang zwischen dem politischen Interesse eines Deutschen und seinem politischen Wissen gibt. Wenn wir das empirisch bestätigt finden, können wir auf eine Korrelation verweisen. Allerdings können wir daraus noch nicht schließen, daß ein niedriges politisches Interesse geringe politische Kenntnisse verursacht oder bewirkt. Zumindest in diesem Fall wäre auch eine umgekehrte kausale Richtung plausibel. Denken Sie darüber nach.

Korrelation vs Kausalität

Ein Beispiel dafür, zu welch absurden Schlüssen wir kommen können, wenn wir Korrelation und Kausalität verwechseln, nannte Carl Sagan in seinem Buch „Der Drache in meiner Garage oder: die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven“. Erhebungen sagen, es komme bei einem gewissen Prozentsatz der Familien zu häuslicher Gewalt. Ebenso wird bei vielen Familien ein patriarchales Beziehungsverhältnis festgestellt. Der falsche kausale Schluss lautet demnach: Ein patriarchales Beziehungsverhältnis verursache häusliche Gewalt. Sie sehen also: Es kann vollkommen blödsinnig und manchmal auch gefährlich sein, wenn ein Zusammenhang zwischen zwei Phänomenen mit einer Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen diesen beiden Phänomenen verwechselt wird. Weniger salopp formuliert: Wenn Sie nicht lernen, zwischen Korrelation und Kausalität zu unterscheiden, lernen Sie auch nicht, logisch zu schlussfolgern.
Viertens: Wenn wir einen Zusammenhang zwischen Phänomenen regelmäßig beobachten können, sprechen wir von sozialwissenschaftlichen Gesetzen. In diesem Zusammenhang ist – fünftes – besonders wichtig: Kausalitäten sind häufig schwer nachweisbar und die sozialwissenschaftlichen Disziplinen haben damit besonders große Probleme. So können längere Zeitverschiebungen zwischen Ursache und Wirkung dazu führen, daß Kausalbeziehungen schwer erkennbar sind. Zudem können Scheinbeziehungen zwischen zwei Phänomene vorliegen. Das kann etwa der Fall sein, wenn man glaubt, daß X die Ursache für Y ist, weil sie zusammen aber zeitverzögert auftreten. In Wirklichkeit aber gibt es womöglich eine gemeinsame, unentdeckte Ursache, die beide Phänomene bewirkt. Bei einem Gewitter zum Beispiel treten Blitz und Donner gemeinsam, aber meistens zeitverzögert auf. Das heißt aber nicht, daß der Blitz den Donner verursacht. Blitz und Donner stehen also nicht in einer kausalen Beziehung zueinander. Entsprechend stellt sich die Frage nach der gemeinsamen Ursache von Blitz und Donner.

Endogenität

Außerdem können Zusammenhänge reversibel sein. Das heißt, wenn X, dann Y und wenn Y, dann X. Dieser Umstand kann ein großes Problem im Forschungsdesign erzeugen. Dieses Problem wird mit dem Begriff Endogenität bezeichnet. Gemeint ist damit, daß die unabhängige Variable nicht wirklich unabhängig von der abhängigen Variablen ist, daß also die Ursache Teil der Wirkung ist. Und schließlich haben wir es in den Sozialwissenschaften mit einem Übermaß an Multikausalität, Interferenzen und Nicht-Linearität zu tun. Viele Sozialforscher haben deshalb große Zweifel an der Erklärungskraft deterministischer Zusammenhänge, wie sie zum Beispiel in den Theorien des orthodoxen Marxismus, zum Teil aber auch in der klassischen Modernisierungstheorie formuliert wurden. Die meisten Sozialwissenschaftler halten stattdessen probabilistische Beziehungen in Form von Wahrscheinlichkeitsaussagen für gegenstandsadäquat.

Ihr Erkenntnisinteresse zählt

Zusammenfassend will ich an dieser Stelle festhalten: Beide Wissenschaftspositionen – die verstehende Position und die idiographische Wissenschaft auf der anderen Seite sowie die erklärende Position und die nomothetische Wissenschaft auf der anderen Seite – haben ihre Berechtigung. Allerdings will ich Ihnen auch nicht verschweigen, daß die wachsende Orientierung der Politikwissenschaft an naturwissenschaftlichen Erkenntnismethoden und die damit einhergehende Professionalisierung des Faches mit einer Aufwertung heuristischer Verfahren und einem Bedeutungsgewinn der quantitativ ausgerichteten empirischen Sozialforschung einherging. In den politikwissenschaftlichen Instituten und Departments, die weltweit die größte Reputation und das höchste Renommee haben, dominiert jedenfalls die erklärende Position. Das Gleiche gilt für die Inhalte der weltweit führenden politikwissenschaftlichen Fachzeitschriften. Das heißt aber nicht, daß Sie sich dieser Dominanz auf Teufel komm raus unterwerfen müssen. Letzten Endes zählt das, was Sie herausfinden wollen: Ihr Erkenntnisinteresse. Und nur das allein ist wegweisend für Ihre Methoden und Verfahren. Das, liebe Leser, soll es an dieser Stelle mit einigen Grundlagen der Wissenschaft gewesen sein. Letztlich geht es darum, daß Sie Ihre akademischen Fertigkeiten trainieren und sich systematisch eine wissenschaftlichen Blick auf die Welt aneignen. Lassen Sie mich diesen Artikel daher mit einem Zitat von Albert Einstein beschließen: „All unsere Wissenschaft ist, gemessen an der Wirklichkeit, primitiv und kindlich – und doch ist sie unser kostbarstes Gut.“

Grüße gehen raus an das Künstlerkollektiv KVLTGANG für die schönen Bilder.

Dieser und weitere Beiträge erschienen in der TREND-Printausgabe Mai 2021. Sie können das Printmagazin bei Staatsreparatur, Jungfernstieg 4 B, 12207 Berlin-Lichterfelde beziehen oder unter der Telefonnummer 030844155610 bestellen.

Über den Autor

Elias Nicolaus

Elias Nicolaus ist Student der Politikwissenschaft und Redakteur bei TREND. In seiner Freizeit hört er gern Höcke Waves und spielt Herz aus Eisen 4.