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Leseempfehlung: Melanie Amann – Angst für Deutschland

Leseempfehlung: Melanie Amann – Angst für Deutschland

Bereits der Titel ihres Buches deutet an, dass Melanie Amann der AfD eher kritisch bis negativ gegenübersteht. Dennoch nähert sie sich ihrem Beobachtungsgegenstand mit sehr viel Empathie und Sachlichkeit.

Laut Amann gab es die AfD schon lange bevor sie formal gegründet wurde. „Es war das Unbehagen, dass im Land etwas schiefläuft: dass die Ausländer sich nicht integrieren wollen und die Deutschen fremde Lasten tragen müssen; dass die Staatsgewalt schwächelt, die Schulen und Universitäten verkommen, die Mehrheitsgesellschaft von schrillen Minderheiten dominiert wird und die Politiker sich auf die falschen Probleme konzentrieren.“ Es traute sich nur kaum jemand, dieses Empfinden in Worte zu fassen, bis es Thilo Sarrazin 2010 schließlich doch tat.

Da Sarrazin aber keine eigene Partei gründen wollte, und sich keine bestehende Partei dieser in der Bevölkerung virulenten Sorgen annehmen wollte, mußte die AfD schließlich 2013 von ganz normalen Bürgern und nicht von Berufspolitikern gegründet werden. Mit Patriotismus und Freiheitsdrang gelang es der AfD schnell zu einer echten Volkspartei zu werden. „Deshalb kann sie Anhänger sammeln, die weder eine gemeinsame Ideologie noch ein gemeinsamer Habitus, weder derselbe Bildungsstandard noch ähnliche wirtschaftliche Interessen verbinden. Was ihre Anhänger unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft oder Vermögen eint, ist die Ablehnung bestimmter Zustände, die in der Partei ein Gefühl von Unbehagen und Angst auslösen.“

Im folgenden beschreibt Amann die Protagonisten der AfD und schildert deren Entwicklung in den ersten fünf Jahren ihrer mittlerweile achtjährigen Geschichte. Vieles davon ist äußerst informativ und hochinteressant. Etlichen Wertungen kann man auch durchaus zustimmen. Aber es gibt auch immer wieder Passagen, an denen die promovierte Juristin nicht verstanden hat worum es geht oder dies bewußt nicht verstehen wollte. Besonders eklatant wird dies auf S. 99f. bei ihrer Erläuterung des Begriffes „Ethnopluralismus“ deutlich, wo sie in bösartiger Weise den Volksbegriff kurzerhand durch den der Rasse ersetzt, wohl um der AfD Rassismus und Antisemitismus anzudichten.

Im Frühjahr 2018 angelangt sieht Amann einen seinerzeitigen „Burgfrieden“ in Partei wie Bundestagsfraktion. In der AfD seien „quasi Linke und FDP unter einem Dach vereint, und hinter ihren Konflikten verbergen sich handfeste Machtfragen,“ denn hier vermische „sich die Debatte über eine Abgrenzung der Partei nach rechts mit der Frage, welche Wähler die AfD ansprechen will – bürgerlich betuchte Kreise oder das einfache Volk?“ Leider endet hier die Darstellung mit dem Ausblick, die Zukunft der AfD werde sich zwischen „rechten Realos und den letzten verbliebenen bürgerlichen Teilen“ entscheiden.

So ist eine lesenswerte kleine Parteigeschichte der AfD von ihrer Gründung bis zum März 2018 entstanden. Es wäre sehr wünschenswert, wenn Melanie Amann ihr Standardwerk in einer 3. Ausgabe zeitlich weiter fortschreiben würde, aber das ist wohl nicht beabsichtigt.

Herbert Hermann

Melanie Amann „Angst für Deutschland“
Droemer Verlag, Aktualisierte und erweiterte Ausgabe Mai 2018, 336 S., 16,99 €
ISBN 978-3-426-27768-8