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Der Ostdeutsche mit der dreißigjährigen Westerfahrung – Alexander Gauland zum achtzigsten Geburtstag

Der Ostdeutsche mit der dreißigjährigen Westerfahrung – Alexander Gauland zum achtzigsten Geburtstag

Titelbild: Alexander Gauland auf dem Essener AfD-Parteitag 2015 (Olaf Kosinsky/Skillshare.eu)

Am 20. Februar vollendet Alexander Gauland sein 80. Lebensjahr. Geboren im sächsischen Chemnitz als Sohn eines pensionierten höheren Polizeioffiziers, wuchs er in einem bürgerlich-nationalliberal geprägten Elternhaus im ebenfalls bürgerlich geprägten Chemnitzer Stadtteil Kaßberg auf. Mit dem nach 1945 im damaligen sowjetischen Machtbereich entstandenem Staatssozialismus konnte er nichts anfangen und empfand ihn als „Bedrückung“. Nach dem Abitur 1959 durfte er wegen seiner bürgerlichen Herkunft in der DDR nicht studieren und flüchtete über West-Berlin in die Bundesrepublik. Hier kam er zunächst bei einem Freund seines inzwischen verstorbenen Vaters in Darmstadt unter, wo er 1960 die Ergänzungsprüfung für das westdeutsche Abitur ablegte. Im gleichen Jahr begann er mit dem Studium der Geschichte, Politik- und Rechtswissenschaften in Marburg und später in Gießen. 1961 siedelte auch seine Mutter in die Bundesrepublik über, und beide fanden eine gemeinsame Wohnung in Wiesbaden.

1966 legte er das erste juristische Staatsexamen ab und promovierte 1970 in Marburg mit einer gleichermaßen staatsphilosophischen wie staatsrechtlichen Arbeit über „Das Legitimitätsprinzip in der Staatenpraxis“ zum Dr. jur. Nach dem 2. Staatsexamen 1971 folgten berufliche Stationen im Bundespresseamt, als Presseattaché am deutschen Generalkonsulat in Edinburgh und ab 1975 als Mitarbeiter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Hier wurde er persönlicher Referent des Parlamentarischen Geschäftsführers der Unionsfraktion, Walter Wallmann, der Gauland 2002 als einen Mann würdigte, „der Loyalität mit dem Mut zum Widerspruch in der Sache zu verbinden wußte“. Als Wallmann 1977 Oberbürgermeister von Frankfurt a. M. wurde, folgte ihm Gauland als Büroleiter und Magistratsdirektor. Als solcher organisierte er die Aufnahme Hunderter vietnamesischer Boatpeople in die Mainmetropole. 1986 wurde Gauland unter Wallmann Ministerialdirektor im Bundesumweltministerium und als Wallmann 1987 hessischer Ministerpräsident wurde, übernahm Gauland als Staatssekretär die Leitung der Hessischen Staatskanzlei. Nach der für die CDU verloren gegangenen Landtagswahl Anfang 1991 ging Gauland als Herausgeber der damals zur FAZ-Gruppe gehörenden „Märkischen Volksstimme“ (heute „Märkische Allgemeine“), der auflagenstärksten Regionalzeitung des Landes Brandenburg, nach 32 Jahren in den alten Bundesländern in den Osten Deutschlands zurück. Dort lebt er noch heute, lange nach seinem Ausscheiden bei der „Märkischen Volksstimme“ 2005, in Potsdam.

Die weitere Entwicklung der CDU unter Kohl und Merkel führte im Laufe der Jahre zu einer immer größeren Entfremdung Gaulands von seiner bisherigen Partei, der er 1973 beigetreten war. Gaulands Versuche, mit seinem publizistischen Wirken, wie etwa den Büchern „Helmut Kohl. Ein Prinzip“ (1994) und „Anleitung zum Konservativsein“ (2002), die CDU wieder auf ihren einstigen konservativ-liberalen Kurs zu bringen, blieben erfolglos und machten ihn darüber hinaus in der Union zur Unperson. Ab 2009 gehörte er zu den Ideengebern des „Berliner Kreises“, in dem sich einige bürgerlich-konservativ ausgerichtete CDU-Politiker zusammengefunden hatten, mußte 2012 aber die Wirkungslosigkeit dieser Bemühungen innerhalb der CDU erkennen. Im September 2012 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der „Wahlalternative 2013“, aus der im Februar 2013 die AfD hervorgehen sollte. Gauland wurde auf dem Gründungsparteitag im April 2013 zu einem der stellvertretenden Parteisprecher gewählt. Im Februar 2014 folgte seine Wahl zum AfD-Landesvorsitzenden in Brandenburg.

Gauland gehört mit seiner Herkunft und politischen Vergangenheit zu der kleinen Gruppe von Politikern, die in beiden Teilen Deutschlands, im Westen wie im Osten, gleichermaßen ankommen. Im brandenburgischen Landtagswahlkampf 2014 wandte er sich in seinem vielbeachteten und zukunftsweisenden offenen Brief an die Wähler der Linkspartei und betonte hier die trotz aller Meinungsverschiedenheiten bestehenden Gemeinsamkeiten. Gauland begründete damit erstmals den Gedanken des Sozialpatriotismus innerhalb der AfD. Der Erfolg gab ihm recht. Bei den Landtagswahlen am 14. September 2014 zog die AfD auf Anhieb mit 12,2 Prozent in den Potsdamer Landtag ein. Analysten registrierten eine Wanderung von 20.000 Wählern von der Linken zur AfD. Gauland wurde Vorsitzender der zehnköpfigen AfD-Landtagsfraktion und leitete diese bis zu seinem Ausscheiden aus dem brandenburgischen
Landtag im September 2017. Auf dem Kölner Bundesparteitag im April gemeinsam mit Alice Weidel zum Spitzenkandidaten gewählt führte Gauland die AfD in den Bundestagswahlkampf 2017. Nachdem die AfD am 24. September 2017 mit 12,6 Prozent in den Deutschen Bundestag eingezogen war, wurden Gauland und Weidel zu gleichberechtigten Vorsitzenden der neuen 92-köpfigen AfD-Fraktion gewählt. Auf dem Bundesparteitag in Hannover wurde Gauland dann, als allgemein über den parteiinternen Lagern stehend anerkannt, im Dezember 2017 zu einem der beiden Bundessprecher der AfD gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis zum Bundesparteitag in Braunschweig im Dezember 2019, wo er nicht mehr für den Bundesvorstand kandidierte und allgemein geachtet und respektiert zum Ehrenvorsitzenden der AfD gewählt wurde.

Die AfD hat bis heute enorm von Gaulands politischer Professionalität und Erfahrung im Umgang mit den Medien profitiert. Auch schärfte er mit parteiinternen Grundsatzpapieren das politische Profil der AfD. Gauland selbst sieht die AfD als „Partei der kleinen Leute“ und eine politische Heimat für ein lange verschüttetes nationalliberales Lebensgefühl, das weder rechts noch links sei, sondern zutiefst menschlich, konservativ nicht im politischen Sinne, sondern im lebensweltlichen. Im Januar 2019 formulierte er in einem Vortrag den Kernsatz der AfD: „Das elementare Bedürfnis eines Volkes besteht darin, sich im Dasein zu erhalten. Das ist im Grunde das AfD-Parteiprogramm in einem Satz. Es geht uns einzig um die Erhaltung unserer Art zu leben.“

Alexander Gauland ist einer der wenigen Vertreter des bundesdeutschen Establishments, der sich von seinen Interessen losgesagt hat, um sich den kleinen Leuten im Namen der Nation anzuschließen. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung! Er ist angesichts der aktuellen Lage innerhalb und außerhalb der AfD unverzichtbarer denn je! Ihm sind Gesundheit und Kraft und Lebensfreude zu wünschen, damit er unserem Land noch lange erhalten bleiben möge!

Andreas Wild

Dieser und weitere Beiträge erschienen in der TREND-Printausgabe Februar 2021. Sie können das Printmagazin bei Staatsreparatur, Jungfernstieg 4 B, 12207 Berlin-Lichterfelde beziehen oder unter der Telefonnummer 030844155610 bestellen.

Über den Autor

Andreas Wild

Andreas Wild ist Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, Funktionär im Kreisverband Steglitz-Zehlendorf der AfD Berlin und Unternehmer.