Seite auswählen

Superstaat Deutsches Reich

Superstaat Deutsches Reich

Das Deutsche Reich ab 1871 war keineswegs so verzopft oder vermufft, wie uns seine Gegner heute glauben machen wollen. Ganz im Gegenteil: Das Deutsche Reich war nach den Maßstäben seiner Zeit ein ungemein fortschrittlicher Staat und eine Großmacht, die weltweite Standards setzte. Das gilt sowohl für die Rechtsordnung und die Sozialstaatlichkeit, das Bildungswesen und -niveau als auch für die Wissenschaften und die industrielle Entwicklung.

So war das Deutsche Reich ein Rechtsstaat, in dem Regierung und Verwaltung an die Gesetze gebunden waren. Die Verfassungen der einzelnen deutschen Länder garantierten die Grundrechte der Bürger wie Glaubens- und Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, Gewerbefreiheit, die Pressefreiheit und das Briefgeheimnis. Auch waren der Schutz der persönlichen Freiheit, der Wohnung und des Besitzes vor staatlicher Willkür selbstverständliche Rechte.

Es herrschte eine strikte Gewaltenteilung. Die Gesetzgebung durch den Reichstag erfolgte über ein Parlament, das nach allgemeinem, gleichem, direktem und geheimem Wahlrecht gewählt wurde. Der Einfluß der politischen Parteien beschränkte sich auf die Gesetzgebung und nur auf diese. Es war daher ausgeschlossen, daß der Staat oder die Verwaltung zur Beute der Parteien werden konnte.

Die Rechtsprechung erfolgte durch unabhängige Gerichte, die nur den Gesetzen verpflichtet waren.
Die Verwaltung des Reiches wie der Länder war für ihre Effizienz bekannt und kam bei einer Bevölkerung von 67 Millionen mit nur 440.000 Beamten aus, d.h. auf 100.000 Einwohner gab es nur
657 Beamte. Alle die Bürger belastenden Verwaltungshandlungen bedurften einer gesetzlichen Ermächtigungsgrundlage.

Der erste moderne Sozialstaat

Das Deutsche Kaiserreich war aber auch der erste moderne Sozialstaat. Die aus dem Halleschen Pietismus hervorgegangene soziale Grundhaltung des preußischen Staates bestimmte auch die Wirtschaftsverfassung des neuen Reiches. Die 1869 in den Ländern des Norddeutschen Bundes eingeführte und 1871 auf das gesamte Reichsgebiet ausgedehnte Gewerbe- und Wettbewerbsfreiheit wurde mit staatlichen Eingriffen und staatlicher Wirtschaftstätigkeit ausbalanciert.

So wurden Eisenbahntarife und Elektrizitätsversorgung staatlich beeinflußt, um eine sozial verträgliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Auf dem Feld der sozialen Stellung der Arbeiter sind in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg grundlegende Fortschritte in Deutschland erzielt worden. Die Idee des Sozialstaates, wie wir ihn heute kennen, ist damals entstanden. Spätere Zeiten brauchten darauf nur aufbauen. Kennzeichen der neuen Sozialstaatlichkeit des Kaiserreichs waren die Koalitionsfreiheit, die Entstehung von Krankenkassen, die Mitgestaltung der Arbeiter an den Lohn- und Arbeitsbedingungen, die Einführung von Arbeitsschutzbestimmungen, die Begrenzung der Arbeitszeit und die Einführung einer Arbeitsgerichtsbarkeit.

Besonders herausragend war die Gesetzgebung zur Unfall-, Kranken- und Altersversicherung in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Bezeichnenderweise sind alle diese von der damaligen Reichsregierung unter Otto von Bismarck eingebrachten Sozialgesetze gegen den heftigen Widerstand der seinerzeitigen SPD zustande gekommen und verabschiedet worden. Die Sozialgesetzgebung des Deutschen Reiches war für nahezu alle anderen Industriestaaten beispielgebend, die in den folgenden Jahren und Jahrzehnten ähnliche Gesetze schufen und verabschiedeten. Lediglich in den USA fehlt es bis heute an einer entsprechenden Sozialgesetzgebung.

Spitzenreiter in Bildung und Wissenschaft

Das Kaiserreich war aber auch ein herausragender Bildungs- und Wissenschaftsstaat. Bereits seit 1717 hatte in Preußen eine allgemeine Schulpflicht bestanden. Seit dem Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 waren Schulen und Universitäten „Veranstaltungen des Staates“ (nicht mehr der Kirchen oder privater Einrichtungen). Alle öffentlichen Schulen und Erziehungsanstalten unterstanden staatlicher Aufsicht. Die preußischen Schulverwaltung, die einheitliche Ausbildungsziele vorgab, Prüfungsordnungen festlegte, die Ausbildung der Lehrer bestimmte und für die ständige Anpassung der Lehrpläne an die jeweiligen Gegebenheiten sorgte, schuf ein Bildungsniveau in Deutschland, das weltweit einmalig war. Für die Schüler war es ein großer Vorteil, daß ein Gymnasium in Königsberg (Ostpreußen) den gleichen Lehrplan hatte wie ein Gymnasium in Köln. Viele Lehrer an den Gymnasien waren Professoren. Die umfangreichen Bibliotheken an den Schulen hatten Universitätsniveau.

Diesem preußischen Bildungssystem verdankte Deutschland nach der staatlichen Einheit 1871 seine wissenschaftliche und industrielle Spitzenstellung. Zahlreiche ausländische Beobachter resümieren, daß Deutschland damals begann, die wissenschaftliche Welt zu beherrschen. Die deutsche Sprache wurde zum internationalen Verständigungsmittel in der Wissenschaft. 80 % der naturwissenschaftlichen Literatur in der Welt erschienen in deutscher Sprache. 40 % der Medizinstudenten an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin (der heutigen Humboldt-Universität) waren im Jahre 1911 Ausländer. Tausende von Amerikaner hatten in Deutschland studiert und promoviert. Bei den neu gegründeten Universitäten in den USA gehörten sie zum ersten Lehrkörper.

Seit 1882 war der Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium, Friedrich Theodor Althoff, für die Universitäten und die medizinische Ausbildung zuständig. Er beherrschte für 26 Jahre so das gesamte deutsche Bildungswesen. Seiner Anregung verdanken wir die Gründung der heutigen Max-Planck-Gesellschaft. Ab 1901 wurden die Nobelpreise verliehen. Von den 49 Preisen, die von 1901 bis 1919 für Medizin, Chemie und Physik verliehen wurden, entfielen 17 Preise auf deutsche Wissenschaftler.

Industrie, Chemie und Arzneimittel für die ganze Welt

Das Deutsche Reich wurde das weltweit führende Land der Chemie. Bereits 1875 betrug der deutsche Weltmarktanteil an synthetischen Farbstoffen 57 %. Dieser Anteil stieg bis 1913 auf 87 %. 1897 entwickelte Dr. Felix Hoffmann bei den Bayer-Werken in Elberfeld das Aspirin. Kein anderes Arzneimittel ist so bekannt und so verbreitet. Heute werden jährlich über 60 Milliarden Aspirintabletten unter unterschiedlichen Namen weltweit hergestellt. Ein weiterer großer Erfolg der deutschen Arzneimittelforschung war das Salavarsan des Schlesiers Dr. Paul Ehrlich. Es war das erste wirksame Heilmittel gegen die Syphilis und markiert den Beginn der modernen Chemotherapie. Vorausgegangen war die Entdeckung des Syphilis-Erregers an der Berliner Charité 1905 durch Dr. Fritz Schaudinn. Zu erwähnen ist auch die Entdeckung des Prontosils durch Professor Dr. Gerhard Domagk. Mit dem Prontosil begann der Siegeszug der Sulfonamide und damit der Vorläufer der Penicilline.

Auch die deutsche optische Industrie dominierte den Weltmarkt. Zu erwähnen sind hier vor allem die Prismen-Ferngläser der Emil Busch AG aus Rathenow und die optischen Gläser der 1884 errichteten Zeiss-Werke in Jena. Für die Grundlagenforschung zur Entwicklung optischer Präzisionstechnik war die 1887 seitens des Deutschen Reiches errichtete Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin von besonderer Bedeutung.

Die größte industrielle Einzelleistung des kaiserlichen Deutschlands war aber wohl die Elektroindustrie. Deutschland übernahm hier zeitweilig die Führung auf allen Anwendungsgebieten der Elektrizität. Der Grund hierfür war der hohe Stand der technischen Ausbildungsstätten in Deutschland. 1881 nahm, von Siemens entwickelt, in Lichterfelde bei Berlin die weltweit erste elektrische Straßenbahn ihren regulären Betrieb auf. Die deutsche elektrotechnische Industrie war in hohem Maße eine Exportindustrie. Rund dreiviertel ihrer Gesamtproduktion wurde im Ausland verkauft.

Die preußische Staatsverwaltung ließ in Zusammenarbeit mit den Verwaltungen der anderen deutschen Länder einen Monopolmißbrauch der elektrischen Versorgungsunternehmen nicht zu. Es war stets das Bestreben der preußischen Behörden, im Interesse der Bevölkerung eine flächendeckende Elektrizitätsversorgung zu angemessenen Preisen sicherzustellen.

Bereits 1886 wurde ein erster Lehrstuhl für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in Charlottenburg eingerichtet und mit dem Funkpionier Adolf Slaby (1849-1913) besetzt.
1914 zählte die Elektroindustrie des Deutschen Reiches nahezu 530.000 Beschäftigte mit steigender Tendenz.

Als das britische Parlament 1887 den „Merchandise Marks Act“ verabschiedete, wonach alle Importprodukte eine Herkunftsbezeichnung tragen sollten, war das vor allem gegen Erzeugnisse deutscher Firmen gerichtet. Die Bezeichnung „Made in Germany“ für Minderwertiges wandelte sich jedoch in wenigen Jahren zu einem Qualitätsbegriff. Produkte, die eine hohe technische Qualifikation erforderten, waren die Stärke der deutschen Industrie. Die hohe Qualität deutscher Produkte war auf den hohen Stand der deutschen Facharbeiterausbildung und des Handwerks wie auch auf die hervorragende Ingenieurausbildung in Deutschland zurückzuführen. Alle Industriezweige konnten auf Absolventen Technischer Hochschulen und Universitäten zurückgreifen. Die gegenseitige Wissensvermittlung zwischen Universitäten und Industrie in Deutschland wurde vorbildhaft für die Welt.

Superstaat Deutsches Reich

Das Deutsche Reich von 1871 war also in der Tat ein Superstaat. Seine heutigen Verächter werden uns sicher gerne einmal erklären, wo wir uns im Vergleich damit heute befinden.

Dr. Matthias Bath

Der obige Beitrag erschien in der TREND-Printausgabe Januar 2021 als Leitartikel mit weiteren Bildern. Diese können Sie bei Staatsreparatur, Jungfernstieg 4 B, 12207 Berlin-Lichterfelde beziehen.

Über den Autor

Matthias Bath

Dr. Matthias Bath, geboren 1956, war Fluchthelfer und DDR-Häftling. Nach einem Häftlingsaustausch studierte er an der FU Berlin, promovierte zum Dr. jur. und arbeitete als Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Berlin.