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Der Weg zur Reichsgründung 1871

Der Weg zur Reichsgründung 1871

Der politische Weg zur Reichsgründung am 18. Januar 1871 beginnt mit dem Ende der Deutschen Revolution 1848/49. Ideell führt er jedoch bis zu den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 zurück.

Die Trendlinie des Deutschen Reiches …

1813-1815: Befreiungskriege, Wiener Kongreß, Kleinstaaterei auf deutschem Boden, Gründung von Burschenschaften

Die Befreiungskriege führen zum Ende der Napoleonischen Herrschaft in Europa. Durch den gemeinsamen Kampf entsteht bei den Deutschen ein Nationalgefühl. Auf dem Wiener Kongreß verhandeln die europäischen Monarchen über den Frieden und beschließen, Europa so weit wie möglich zur Ordnung vor der französischen Revolution 1789 zurückzuführen (Restauration). Deutschland wird in den aus Kleinstaaten bestehenden Deutschen Bund ohne Verfassung und ohne übergeordnete Regierung überführt. Preußen, Österreich und Rußland verpflichten sich, gemeinsam gegen liberale und nationale Bewegungen vorzugehen. Wien wird mit dem Fürsten Metternich und seinem diplomatischen System zum Zentrum der europäischen Politik. Zur gleichen Zeit kommt die von Studenten getragene burschenschaftliche Bewegung auf und trägt das Verlangen nach einem freien geeinten deutschen Nationalstaat unter den Farben Schwarz-Rot-Gold auf die Straßen, in die Öffentlichkeit und an die Universitäten.

Anläßlich des vierten Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig und dem anstehenden 300. Jahrestag der Reformation treffen sich am 18. Oktober 1817 ungefähr 500 Studenten (dies entspricht 5 % aller deutscher Studenten damals) und einige Professoren auf der Wartburg in Eisenach zum Wartburgfest. Burschenschafter der ersten Stunde sind dabei federführend – Sie schreiben in ihrer Einladung: „Der Himmel segne unser gemeinsames Streben Ein Volk zu werden, das voll der Tugenden der Väter und Brüder durch Liebe und Eintracht die Schwächen und Fehler beider beseitigt.“

1819: Karlsbader Beschlüsse, “Demagogenverfolgungen”

Als logische Folge der Restauration wird durch die Karlsbader Beschlüsse das Vorgehen von oben gegen liberale und nationale Bestrebungen geregelt. Die Presse wird zensiert, die universitäre Arbeit von Professoren bespitzelt und Burschenschaften verboten. Dennoch stellt die aufkommende politische Stimmung in der Zeit vor der Märzrevolution 1848 (Vormärz) das reaktionäre System Metternich und die Ordnung des Wiener Kongresses zunehmend in Frage. Beim Hambacher Fest 1832 versammeln sich Zehntausende, um für liberale und nationale Werte zu demonstrieren.

Deutsche Revolution 1848/49, Frankfurter Nationaversammlung

Im März 1848 bricht eine Revolution in Deutschland aus, bei der Handwerker, Bürger und Bauern Seite an Seite kämpfen. Die Fürsten müssen sich dem Druck der bürgerlichen Proteste beugen und ihnen politische Rechte zusichern. Gegen den Willen Preußens und Österreichs wird am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche das erste gesamtdeutsche Parlament gebildet, dessen Abgeordneten sich in verschiedenen Fraktionen aus Demokraten (sie fordern eine Republik), Liberalen (sie forderten eine von Parlament und Verfassung kontrollierte Monarchie) und Konservativen (sie wollten die Souveränität der Fürsten unangetastet lassen) zusammensetzt. Aufgrund der unterschiedlichen Vorstellungen über die Ausgestaltung eines deutschen Gesamtstaates zögern sich die Debatten in der Nationalversammlung hinaus. Im März 1849 verabschiedet die liberale Mehrheit die Paulskirchenverfassung, nach der Deutschland eine konstitutionelle Monarchie werden soll. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnt die ihm angebotene Kaiserkrone jedoch ab, weshalb die Verfassung wirkungslos bleibt. Die Nationalversammlung scheitert.

… und der Weg zur Reichsgründung

1861/62: Preußischer Heereskonflikt, Deutscher Dualismus

Zwischen den europäischen Großmächten Preußen und Österreich entbrennt in den 1860ern ein Machtkampf um die Vorherrschaft in Deutschland (Deutscher Dualismus). Im preußischen Heereskonflikt zwischen Parlament und König stellt sich der seit 1862 amtierende Ministerpräsident Otto von Bismarck auf die Seite des Königs und drückt eine Aufstockung der Armee gegen den Willen des Parlaments durch. Diese Politik überzeugt liberale Kräfte, die seit dem Vormärz ein geeintes Deutschland fordern, denn sie wird die militärischen Erfolge Preußens in den folgenden Einigungskriegen ermöglichen und den Grundstein für die nationale Einheit legen.

1864: Deutsch-Dänischer Krieg

1864 kämpfen Preußen und Österreich noch gemeinsam gegen Dänemark, das seinen politischen Einfluß entgegen des Londoner Protokolls ausgeweitet hat. Die beiden Großmächte können sich nach dem Sieg nicht auf eine gemeinsame Verwaltung einigen, sodaß Schleswig an Preußen geht und Holstein an Österreich.

1866: Deutscher Krieg, Norddeutscher Bund, Schutz- und Trutzbündnisse

1866 kommt es zum Krieg zwischen Preußen und Österreich. Preußen gewinnt den Krieg und gründet den Norddeutschen Bund, zunächst als ein Militärbündnis aus allen deutschen Staaten außer Baden, Hessen, Württemberg, Bayern und Österreich. Otto von Bismarck entwirft eine Verfassung für den Norddeutschen Bund, der die Staaten im Februar 1867 zustimmen. Der Reichstag, der sich daraufhin konstituiert, bestätigt die Verfassung, womit sie offiziell in Kraft tritt. Diese Verfassung ist fast identisch mit der 1871 für das Kaiserreich verabschiedeten Verfassung. Oberhaupt des Bundes ist der preußische König Wilhelm I.; Otto von Bismarck wird Bundeskanzler. Schutz- und Trutzbündnisse mit Baden, Württemberg, Bayern und Hessen ersetzen den Deutschen Bund, dem diese Staaten zuvor angehört hatten.

1870: Deutsch-Französischer Krieg

Anlaß zu einem Krieg mit Frankreich gibt 1870 ein Streit um die spanische Thronfolge, der infolge von gegenseitigen Provokationen, bei der die sogenannte Emser Depesche eine prominente Rolle spielt, eskaliert. Der Konflikt eskaliert und Frankreich erklärt am 19. Juli 1870 den Krieg. Im Schutz- und Trutzbündnis mit den süddeutschen Staaten tritt der Bündnisfall ein. Die patriotische Begeisterung in Deutschland schlägt ähnlich hohe Wellen wie in den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Es kommt zu Schlachten im Elsaß bis zu Sedan, wo Nalopeon III. in deutsche Gefangenschaft gerät. Nachdem die Franzosen den Krieg fortsetzen, rücken die deutschen Truppen nach Paris vor und belagern es. Die überlegenen deutschen Armeen können Frankreich das Elsaß und Lothringen abzwingen. In den Novemberverträgen wird der Beitritt Badens, Hessens, Württembergs und Bayerns zum Norddeutschen Bund geregelt, der daraufhin den Namen „Deutsches Reich“ tragen wird.

18. Januar 1871: Gründung des Deutschen Reiches, Kaiserproklamation

Die Verfassung des Deutschen Reiches wird durch den Reichstag des Norddeutschen Bundes, den Bundesrat und die süddeutschen Kammern angenommen. Daraufhin bieten Abgesandte des Reichstages Wilhelm I. die Kaiserwürde an. Er nimmt deren Bitte an und wird auf seinen Wunsch am 18. Januar 1871, dem 170. Jahrestag der Erhebung des Kurfürsten von Brandenburg zum König Preußens, im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser proklamiert. Zwar war das Deutsche Reich mit der Ratifizierung der Verfassung bereits gegründet, doch im deutschen Bewußtsein verbleibt die Ausrufung des Kaisers als der eigentliche Gründungsakt. Bismarck wird Reichskanzler und schafft in den Folgejahren ein Bündnissystem, das weitere Konflikte mit den Großmächten Europas verhindern soll. Die zahlreichen Denkmäler Bismarcks zeigen, daß er die treibende Kraft hinter der Idee eines Deutschen Reiches war. Alle deutschen Staaten (außer Österreich) sind in einem Einheitsstaat zusammengeführt und die Kleinstaaterei hat ein Ende genommen. Eine großdeutsche Lösung unter Einbeziehung Österreichs mußte an den Folgen des Krieges scheitern. Auf diesem Weg wird die Forderung von 1848/49 nach einer konstitutionellen Monarchie mit Grund- und Bürgerrechten zur Realität – allerdings nicht unter den Farben Schwarz-Rot-Gold, sondern mit Schwarz-Weiß-Rot und in einer Revolution von oben.

Aaron Kimmig

Der obige Beitrag erschien in der TREND-Printausgabe Januar 2021 als Nebenartikel zum Titelthema Superstaat Deutsches Reich mit einem zwei Seiten überspannenden Zeitstrahl. Die Printausgabe können Sie bei Staatsreparatur, Jungfernstieg 4 B, 12207 Berlin-Lichterfelde beziehen.

Über den Autor

Aaron Kimmig

Aaron Kimmig ist Student der Informatik an der Universität Freiburg und Redakteur bei TREND. In seiner Freizeit schreibt er Klavierstücke.