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Kleine Geschichte Polens

Kleine Geschichte Polens

Titelbild: Der polnische König Sobieski war Oberbefehlshaber über die Hussaria, die schwer gepanzerten Elitekavalleristen mit ihren charakteristischen Flügeln (Unbekannt via imgur/CIbEB)

In letzter Zeit ist es hierzulande wieder in Mode gekommen, über unseren östlichen Nachbarn herzuziehen. Rechtsstaatliche Prinzipien würden nicht beachtet (ganz im Gegensatz zur Bundesrepublik und der EU, selbstverständlich), zahlreiche Gemeinden und Städte erklären sich zur LBTQdings-freien Zone (wie schrecklich) und außerdem regieren dort sowieso die Falschen (also böse Rechtspopulisten statt guter fortschrittlicher Linker). Seitdem es (wieder) einen polnischen Staat gibt, ist das Verhältnis zu Polen selten spannungsfrei gewesen. Dabei leben zahlreiche Polen in Deutschland, viele sind längst eingebürgert. Es heißt, in Berlin trauten sich die Polen schon nicht mehr, auf Polnisch zu fluchen, aus Sorge, daß zu viele Umstehende sie verstehen könnten.

Zwei Ereignisse stehen am Anfang der polnischen Geschichte. 966 ließ sich der slawische Stammesherzog Mieszko katholisch taufen. Im Jahr 1000 erhob Kaiser Otto III. den Sohn Mieszkos, Boleslaw zum König und zugleich das bislang vom Erzbistum Magdeburg verwaltete Bistum Gnesen zum selbständigen Erzbistum. Dies war die eigentliche Geburtsstunde Polens. In die Wiege gelegt bekam die neue Nation jedoch drei Erblasten, die sich fortan wie ein roter Faden durch die polnische Geschichte ziehen sollten. Erstens war Polen eingeklemmt zwischen den größeren Nachbarn Deutschland im Westen und Rußland im Osten. Zweitens neigte Polen immer wieder zu einer erheblichen Überschätzung der eigenen Kräfte und Möglichkeiten. Das dritte und wohl größte Problem war eine oft schwache Königsmacht, der selbstherrliche Adelsfamilien gegenüberstanden. Dies führte in wenigen Generationen zur völligen Zersplitterung der Herrschaft. Mächtige Adelsfamilien konnten in ihrem Herrschaftsbereich walten wie sie wollten und scherten sich nicht im geringsten um das Ganze. Im Sejm, dem polnischen Reichstag, konnte ein einziger Delegierter mit seinem Einspruch alle bis dahin gefaßten Beschlüsse eines Reichstages insgesamt für ungültig erklären. Dicke Geldbeutel aus Paris, Wien oder Moskau wirkten dabei oft sehr motivierend. Nur wenige bedeutende Könige konnten sich gegen die Adelsklüngel durchsetzen, so z.B. Johann III. Sobieski, der 1683 die Türken vor Wien besiegte. Im Folgenden aber zerfiel der polnische Staat zusehends. Am Ende teilten die mächtigeren Nachbarn Rußland, Österreich und Preußen 1795 Polen vollständig untereinander auf.

Bei der Bewahrung der polnischen Identität in den nächsten 123 Jahren ohne eigenen Staat spielte die katholische Kirche eine wichtige Rolle. Am Ende des I. Weltkriegs kam dann die Wiedergeburt Polens. Der junge Staat versuchte bei den Friedensverhandlungen in Versailles, alles für sich zu sichern, was man für ehemals polnisch hielt. Auch mit Waffengewalt versuchte Polen zwischen 1919 und 1921 seine Grenzen auszuweiten: gegen die Sowjetunion, gegen Litauen und gegen Deutschland. Das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland blieb belastet. Im September 1939 begann der II. Weltkrieg damit, daß Hitler und Stalin Polen unter sich aufteilten. Im Sommer 1944 stand die Rote Armee bereits in den östlichen Vororten Warschaus, als der polnische Untergrund den Aufstand gegen die deutsche Besatzung wagte. Zwei Monate saßen die Soldaten der Roten Armee am Ostufer der Weichsel und sahen zu, wie SS-Verbände den Aufstand in Warschau niederschlugen. Das war Absicht, denn mit dem Ende polnischen Heimatarmee blieb nur noch das von Moskau gelenkte Lubliner Komitee übrig. Im Krieg verloren rund 6.000.000 Polen ihr Leben.

Die Sowjetunion errichtete den Vasallenstaat „Volksrepublik Polen“ in neuen Grenzen. Stalin behielt ungefähr das, was er schon von Hitler bekommen hatte. Zum Ausgleich bekam Polen alle deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße. Millionen Deutsche wurden vertrieben, dafür wurden dort Millionen aus dem bisherigen Ostpolen zwangsangesiedelt. Stalins Nachfolger hatten wenig Freude an den polnischen Genossen. Die katholische Kirche blieb in konsequenter Opposition zum kommunistischen Regime und war ein starker Rückhalt für alle Dissidenten. 1978 wurde dann mit Karol Wojtila / Johannes Paul II. ausgerechnet ein Pole Papst, eine ungeheure Aufwertung für die polnische katholische Kirche. Dies gab wiederum der Opposition Rückhalt. Aus dem Streik der Werftarbeiter in Danzig 1980 entstand die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc. Die Situation entglitt dem kommunistischen Regime immer mehr, nicht einmal die Verhängung des Kriegsrechts änderte etwas daran. Den Polen gebührt damit das Verdienst, bei der Auflösung des sowjetischen Imperiums den Anfang gemacht zu haben.

1999 trat Polen der NATO und 2004 der EU bei. Mittlerweile hat auch die Brüsseler Bürokrateska wenig Freude an den stolzen und patriotischen Polen. Und das ist gut so.

Volker Graffstädt

Dieser und weitere Beiträge erschienen in der TREND-Weihnachtsausgabe 2020. Sie können das Printmagazin bei Staatsreparatur, Jungfernstieg 4 B, 12207 Berlin-Lichterfelde beziehen.